Als ich 14 Jahre alt wurde, war ich ein Junkie. Ein Nikotin-Junkie auf Markensuche, ich schwankte zwischen „Ernte 23“ (der bevorzugten Zigarettenmarke meines Vaters, stangenweise in der Anrichte seines Arbeitszimmers gehortet), „Peter Stuyvesant“, „Benson & Hedges“ und „Pall Mall de Luxe“ (die mein damals bester Freund Wolfgang rauchte) hin und her. Zigaretten waren damals, Mitte der 70er Jahre, zwar vergleichsweise zu heute günstig, aber das Taschengeld reichte selbstverständlich nicht zur Befriedigung meiner (unserer) Lieblingsbeschäftigung, der wir aufgrund unseres Alters natürlich heimlich nachgehen mussten. Aber wer damals, bei uns auf dem Dorf, nicht rauchte, gehörte auch irgendwie nicht dazu. Zum Glück hatten wir jedoch herausgefunden, dass man bei „Vivo“ (eine inzwischen verstorbene Supermarktkette) prima Zigaretten klauen konnte; erwischt wurden wir jedenfalls nie, was übrigens auch für die Heimlichraucherei gilt; jedenfalls soweit es mich betrifft. O ja, ich hatte großes Glück, dass meine Eltern rauchten – und praktisch alle ihre Freunde und Bekannten ebenfalls.

Wenig später, als nicht wenige von uns ihren Zigaretten gewisse libanesische und afghanische Aromen dem Tabak beimischten, wurde das Selberdrehen zum großen Hit; die Schlaffis und Kiffer im Jugendzentrum drehten hellbraunen „Javanse Jongens“, die Harten „Van Nelle Halfzwar“, doch die wahren Helden des Lungenzugs zogen „Schwarzen Krausen“ bis runter in die Alveolen. Wenn damals jemand in der Pause auf die Schultoilette musste, hatte er Pech, denn es qualmte, dampfte und rauchte aus allen Kabinen, die häufig von bis zu drei Leuten besetzt waren.

Mit 18 wurde ich dann gemustert: Mein Lungenvolumen betrug trotz der Raucherei (eine Schachtel täglich bzw. ein Beutel Tabak in zweieinhalb bis drei Tagen), der ich seit dem 16. Lebensjahr nun auch offiziell fröhnte, satte 6,8 Liter, und die 3000 Meter lief ich immerhin in 9,06 Minuten (der Weltrekord liegt heute bei 7,20 Minuten).

Warum ich das erzähle? Nun, weil es vermutlich die Erklärung dafür ist, dass es seit 42 Jahren praktisch kein einziges Foto von mir gibt, das mich ohne Zigarette zeigt. Und obwohl mein Lungenvolumen mittlerweile auf 3,9 Liter geschrumpft ist, ich beim Einschlafen meine Bronchien rasseln höre und mir eine Laufstrecke von 3000 Metern vorkommt wie die Halbmarathondistanz, rauche ich wahnsinnig gern.

Falsch. Würde ich wahnsinnig gerne weiterrauchen.

Aber heute ist es tatsächlich schon über sechs Wochen her (bei, zugegeben, drei einmaligen Rückfällen: nach vier, nach neun Tagen und gestern mittag, beim Hamburger Hafengeburtstag), dass ich keine Zigaretten mehr in der Wohnung habe. Dass ich nicht mehr rauche. Was mir jedoch keiner glaubt. Ich mir selbst am wenigsten, denn noch immer  überkommt mich schubweise ein irrer Schmacht, so dass ich buchstäblich die Wände hochgehen könnte. Und deshalb nehme ich es all diesen Helden, die behaupten, sie hätten ihre Zigaretten irgendwann einmal zur Seite gelegt, nie wieder angefasst und „damit überhaupt keine Probleme gehabt“, auch nicht ab, dass die jemals richtig geraucht haben.

Auslöser dieser für mich  unbegreiflichen Entscheidung war eine Geburtstagsfeier meines Lieblingskollegen Sven K., der das Erreichen seines 50. Lebensjahres in einer Raucherkneipe („Kuddl“) im Hellkamp in Hamburg-Eimsbüttel zelebrierte. Der schier ungebremste Konsum von „Jever“, „Helbing“ und (ungefähr alle 15 Minuten) einer aktiven Zigarette (hinzu kamen bestimmt 30 passiv-gerauchte Glimmstängel / Stunde) löste bei mir am nächsten Morgen einen Kater aus, den ich als monströs bezeichnen möchte. Noch in der Nacht hatte ich mir dennoch meine durchschnittliche  Tagesration (zwei Schachteln) am Nachtschalter auf der Tanke gekauft; nun saß ich mit einer Zigarette in der Hand und einem Becher Kaffee am Küchentisch und versuchte, mich an die Namen meiner Kinder zu erinnern. Ich zündete  die Zigarette an und wurde nach sogleich mit dem ersten entspannten Lungenzug von einem Hustenanfall der Extraklasse übermannt. Es war ein Husten, der nicht enden wollte.Irgendwann hörte das Bölken dann doch auf, und was nun folgte, war eine Übersprungshandlung, die ich mir bis  heute tatsächlich nicht erklären kann: Ich polkte die zweite, frisch gekaufte Zigarettenschachtel („Winston Red“) auf, ließ Wasser in beide Päckchen rinnen und warf dann diese zwölf Euro in den Mülleimer.

Bei meinem letzten Versuch vor einem Jahr, das Rauchen aufzugeben, war ich ja trotz großmäuliger Ankündigung bereits nach 36 Stunden mit Grandezza gescheitert. Total. Also würde ich beim nächsten Mal die Klappe halten. Kein Problem, ich kann ja jetzt sowieso nur schreiben, denn man redet ja nicht mit vollem Mund, und ich bin ständig am Kauen oder Lutschen oder Knabbern von irgendwas. Lieber eine Möhre statt einer Zigarette, sagte mein Hausarzt scherzend, aber welcher Idiot isst 4,5 Kilogramm Möhren pro Tag?

Überhaupt alles, was ich bisher über die Folgen des Abgewöhnens zu wissen glaubte, fällt unter die Überschrift „Fake-News“. Fror ich mir eben noch als Aussätziger vor Kneipen, Restaurants oder auf Balkonen beim Rauchen quasi alleine den Hintern ab, bin ich es jetzt zumeist, der mehrmals pro Stunde für jeweils zehn Minuten einsam zurückgelassen wird. Offenbar ändert sich ohne Nikotin an den Synapsen die Wahrnehmung.

Und Geld sparen? Was für ein Quatsch! Allein die tägliche Nikotinration zum Lutschen (zum Dämpfen meiner Gewaltphantasien) kostet ein Vermögen. Hinzu kommt meine komplett neue Garderobe, denn gegen die automatische Gewichtszunahme durch den nun reduzierten Stoffwechsel wäre nur ein Kraut gewachsen (ja, Tabak!) oder es hülfe eventuell Totalfasten oder 18 Stunden Jogging täglich, aber dafür fehlt mir die Zeit. Immerhin: Die acht Kilogramm mehr (bis jetzt) straffen wenigstens meine Haut. Die am Bauch. Und wie war das mit dem „freier atmen“? Um jetzt den Feinstaub der Großstadt tiefer runter in die Bronchien inhalieren zu können, ohne nach Luft zu ringen?

Auch der Geschmackssinn soll sich bekanntlich durchs Nichtrauchen verbessern. Na klar doch – dank der Nikotinbonbons schmeckt jetzt alles lecker nach Pfefferminz (aber ich möchte einfach nicht straffällig werden). Gestern fragte mich dann meine Freundin: „Wie willst du bloß von diesen Tabletten runterkommen, Junge?“

Auf diese Frage konnte es selbstverständlich nur eine Antwort geben. Mit Zigaretten natürlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Abgewöhnen ist zum Abgewöhnen

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