Möge die Macht mit dir sein!

Der gemeinsame Fernsehabend, eng aneinandergekuschelt auf der Couch, häufig begleitet von alkoholischen Getränken, Naschkram und Knabbergebäck, gehört zu den gefühlvolleren Feierabendbeschäftigungen von Paaren. Die Kinder, sofern vorhanden, sind im Bett, das Mobiltelefon ist auf „stumm“ geschaltet – und bestenfalls ist sogar das TV-Programm genießbar. Doch gerade in dieser romantischen Situation droht eine unheimliche Gefahr: So kommen viele Lebensgemeinschaften inzwischen zwar mit wirtschaftlich notwendigen Fernbeziehungen hervorragend zurecht, aber wenn es sich um den Gebrauch der Fernbedienung des TV-Geräts handelt, liegen in der Regel schon bei der ersten leichten Korrektur der Lautstärke knisternde Spannungen in der Luft und die Nerven blank. Es ist eine fürchterliche Wahrheit, gewiss, aber die moderne Fernbedienung, ein technisches Wunderwerk mit -zigtausenden von Funktionen, ist in unserem digitalen Zeitalter der gefährlichste aller Beziehungskiller. Denn wer dieses rechteckige Dingens mit den vielen Tasten in der Hand hält, besitzt die Macht und damit auch die Chance zum Machtmissbrauch.

So finden jeden Abend in Millionen von Behausungen hinter zugezogenen Gardinen rücksichtslose Wettläufe um die Fernbedienung statt, wobei die Strecke aus der Küche zum Wohnzimmertisch grundsätzlich immer dieselbe ist. Denn nur, wer den Einschaltknopf als erster drücken kann, führt dann auch den ganzen Abend lang Regie bei der Programmgestaltung.

Hier sind besonders diejenigen im Nachteil, die nach dem Abendessen  noch einmal kurz zum Rauchen raus auf den Balkon gehen oder den Korkenzieher in der Küche vergessen: Zack, schon haben sich die Machtverhältnisse wieder geändert. Manche Menschen verzichten deshalb darauf, trotz drängender Blase auf die Toilette zu gehen; die cleveren würden die Fernbedienung selbstverständlich mit ins Bad nehmen. Strafverschärfend kommt hinzu, dass zumeist nur einer von beiden die zahllosen Funktionen der Fernbedienung überhaupt bedienen kann, und zwar derjenige, der vorher etwa vier Wochen lang die 1000 Seiten starke Gebrauchsanweisung gründlich gelesen hat. In diesem Fall sind rasche Trennungen leider vorprogrammiert.

Andererseits aber kann das freiweillige Überlassen einer Fernbedienung auch als großartiger Liebesbeweis gewertet werden; vor allem in neuen Beziehungen zählt dieser feierliche Akt weitaus mehr als das erstmalige Überreichen des Wohnungsschlüssels.