Der 2. Juli 2001 war ein heißer Sommertag, Vater und Sohn saßen im Park der Universitätsklinik in Lübeck und rauchten; er eine dünne Zigarre, ich mehrere Marlboros. Er wirkte vergnügt, geradezu heiter, trotz der OP, die ihm am nächsten Tag bevorstehen würde. Das Karzinom in seiner Speiseröhre, das gerade mal 3,4 Zentimeter lang war und etwa 1,2 Zentimer Durchmesser besaß, drückte auf einen zentralen Nerv, was das Schlucken erschwerte, aber er hatte sich zu keiner Zeit dazu herabgelassen, Kartoffelbrei oder „Astronautennahrung“ zu sich zu nehmen, sondern er hatte immer versucht, ganz normal zu essen – und natürlich gehörte auch der eine oder andere Gin Tonic dazu; freilich immer erst ab 17 Uhr, so wie damals am Speersort in den 50er und 60er Jahren, später auf dem „Affenfelsen“ in der Warburgstraße, wo sein Büro neben dem von Henri Nannen gewesen war.

Bei dieser Operation handelte es sich trotz der Diagnose (die zwei Jahre zuvor gestellt worden war) um einen relativ kleinen Eingriff, mit dem besagter Nerv verödet werden sollte – „um Lebensqualität zurückzugewinnen“, hatte der behandelnde Arzt gesagt, denn der Tumor wuchs extrem langsam, hatte noch nicht gestreut, und die Onkologen hatten übereinstimmend prognostiziert, „dass  der Krebs ihn mit diesem Tempo mit 99,9prozentiger Wahrscheinlichkeit überleben würde.“ Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater 84 Jahre alt (man möge mir die leicht irreführende Überschrift bitte nachsehen). Ich war damals 40, verheiratet, Vater von drei Kindern – aber nach wie vor war ich auch Sohn.

Der Krebs, das fürchterliche Essen im Krankenhaus, die Operation: das alles war an diesem wunderschönen Sommertag kein Thema, ihn beschäftigten erstaunlicherweise ganz andere Dinge; etwa der Beruf des Journalisten, für den ich mich zu seinem Leidwesen 17 Jahre zuvor ebenfalls entschieden hatte.

Nun ist es wohl häufig so, dass Väter und Söhne, die denselben Beruf ergriffen haben, unterschiedliche Ansichten besitzen, vor allem über die Entwicklung einer Branche – dann tritt vermutlich schon mal so etwas wie ein Generationskonflikt zutage.

Mein Vater, ein Siebenbürger aus Hermannstadt, war bereits mit 19 Jahren aus Rumänien nach Berlin gegangen, hatte es 1937 an die „Reichspresseschule“ geschafft und hatte nach seiner Ausbildung als Lokalreporter bei der „Württembergischen Landeszeitung“ in Stuttgart angeheuert, ein gleichgeschaltetes, strammes NSDAP-Blatt selbstverständlich (wie alle Presseorgane im Dritten Reich), aber um es vorwegzunehmen: Man musste kein Parteimitglied sein, um als „kriegswichtiger“ Reporter an der „Heimatfront“ zu arbeiten. Doch zu Beginn des Jahres 1941 meldete er sich erstaunlicherweise freiwillig zur Luftwaffe, als Kriegsberichterstatter. Denn inzwischen hatten die Nazis damit begonnen, auch die „Volksdeutschen“ (zu denen natürlich auch die Siebenbürger Sachsen gezählt wurden) einzuberufen;  allerdings nicht zur Wehrmacht bzw. Marine oder Luftwaffe, sondern bevorzugt zur Waffen-SS oder gar zu den berüchtigten Polizeibatallionen, die bereits in Polen entsetzliche Kriegsverbrechen begangen und sich aktiv am Holocaust beteiligt hatten. Wobei auf den Straßen des Deutschen Reiches darüber allerhöchstens im Flüsterton gesprochen wurde, wenn überhaupt.

Dies jedoch nur zur (lückenhaften) Erklärung, warum mein Vater 1944 während eines Offizierslehrgangs in Potsdam den vier Jahre älteren Henri Nannen kennenlernte, der ja schon während der Olympiade 1936 – aus heutiger Sicht – „negativ“ aufgefallen war; später wurde Nannen Mitglied einer Propagandakompanie. Die beiden Männer freundeten sich an, der Krieg war bereits im „Endstadium“ – und verloren. Beide wussten das, und sie waren nicht die einzigen, die heimlich Pläne für die „Zeit danach“ schmiedeten.

Es gibt zahlreiche Beispiele für die vielen mehr oder minder gelungene Versuche unserer Väter (und auch Mütter), ihr Mitwirken an der Zeit zwischen 1933 und 1945 aufzuarbeiten, zu erklären, zu entschuldigen, zu verarbeiten. Soweit es meinen Vater betrifft, bin ich mir sicher, dass er sich nichts vorzuwerfen hatte. Er hatte ja auch kein Problem,  in Hamburg von der britischen Besatzungsmacht die Lizenz für eine Zeitung zu erlangen, „Die Straße“, bevor er 1949 die Selbstständigkeit aufgab und seinem „Kriegskameraden“ Henri Nannen zu dessen „Stern“ folgte. Wie gut sie miteinander befreundet waren (und arbeiten konnten), mag man auch der Tatsache entnehmen, dass meine Mutter (sie starb bereits vor 30 Jahren) ihre Schulkameradin Martha (beide stammten aus Kronstadt in Siebenbürgen… ) und Nannen 1947 in Hannover regelrecht verkuppelt hatte.

Aber das will ich ja alles gar nicht erzählen. Deshalb rasch wieder zurück in den Park des Lübecker Universitätsklinikums, wo wir nun schon eine gute Stunde saßen und mein Vater gegen seine neue Gewohnheit (seit der Diagnose) sich eine zweite Zigarre anzündete. Früher hatte er durchschnittlich 40 „Ernte 23“ und drei Pfeifen am Tag geraucht (und dem häufigeren Sodbrennen zu wenig Bedeutung beigemessen).

Es war manchmal nicht leicht, diesen Mann als Vater zu haben, wobei ich dieses Gefühl nur auf die gemeinsame Profession beziehe. Aber auch wenn Victor Schuller während seines Berufslebens nur äußerst selten repräsentative Aufgaben wahrnehmen musste (und das zumeist auch nur ziemlich widerwillig), so spielte er hinter den Kulissen des „Musikdampfers“ „Stern“ über drei Jahrzehnte eine entscheidende Rolle. Er besaß gleich zwei Spitznamen: Der eine lautete  „Herr der Texte“ (und bedarf vermutlich keiner besonderen Erklärung), der andere „Klimaanlage“ und bezog sich auf seine mediatorische Fähigkeit, so manche Kolleginnen und Kollegen, die bisweilen von Henri Nannen zurecht aber nicht selten auch zu unrecht in mehrere Einzelteile zerlegt worden waren, wieder zusammenzusetzen. „Beliebt“ wäre jedoch der falsche Ausdruck, „respektiert“ und „geachtet“ träfe es weitaus besser. Als er 1975 aus der „Stern“-Chefetage verabschiedet wurde, um dann noch viele weitere Jahre als Herausgeber der „Stern-Bücher“ zu fungieren, erhielt er vom Verlag unglaublich großzügige Abschiedsgeschenke, aber was ihn damals aus der Fassung brachte (zum ersten Mal wirklich aus der Fassung brachte), war das Geschenk eines Reporters (sein Name ist mir leider entfallen), der ihm einen billigen Kugelschreiber chinesischer Bauart überreichte, dessen Clou freilich ein eingebautes Pfeifenfeuerzeug war. „Immer wenn Sie meine Texte redigiert haben, Herr Schuller, ist Ihnen die Pfeife ausgegangen…!“

Und als Teile der nachfolgenden Riege der Heftverantwortlichen sich Anfang der 80er Jahre vom altgedienten Reporter Gerd Heidemann fatalerweise die „Hitler-Tagebücher“ andrehen ließen, was nicht nur die deutsche Presselandschaft erschütterte, sondern vor allem die nichtsahnenden Mitglieder der „Stern „-Redaktion, fragte der Verlag an, ob mein Vater, der an dieser entsetzlich peinlichen Affäre schließlich vollkommen unbeteiligt gewesen war,  sich vorstellen könnte, für mindestens drei Jahre an die Spitze der Redaktion zurückzukehren – als „Klimaanlage“, ja, durchaus auch als „Frühstücksdirektor“. Denn solch eine Redaktion wie die damalige „Stern“-Mannschaft war keine homogene Masse, sondern auch ein sensibles, fragiles Gebilde. Doch obwohl er sein einstiges Gehalt aus den 70er Jahren damit vervierfacht hätte, sagte er mit der ihm eigenen Konsequenz „nein“; er „fühlte sich den jungen Leuten gegenüber zu alt“, meinte er damals und außerdem hatte er gerade angefangen, Kochen zu lernen – ein Teil des Pflegeprogramms, das er sich wegen meiner schwerkranken Mutter auferlegt hatte (und ich habe bisher nie wieder ein besseres Tafelspitz gegessen).

Diese konsequente Haltung, einmal getroffene, persönliche Entscheidungen nicht wieder zurückzunehmen oder seine Meinung zu vertreten, war eine Charaktereigenschaft meines Vaters, die ab und zu zu gewissen Reibungen zwischen uns führten. Er hatte es jedenfalls als furchtbar empfunden, dass ich mir ausgerechnet „seinen“ Beruf ausgesucht hatte, und ja, es hat dann tatsächlich ziemlich lange gedauert, bis er mich anerkannte oder besser, meine Arbeit nicht mehr besonders kritisch sah – zunächst beim (privaten) Fernsehen, ab 1995 dann vornehmlich als freier Autor – überall dort, wo man Texte braucht.

Und nun spazierten wir durch diesen Park der Lübecker Universitätsklinik in Richtung Parkplatz, wo mein Motorrad stand und mein Vater, der im Jahre 1946 nach seiner abenteuerlichen Flucht aus Rumänien über Ungarn und Österreich auf einer Wehrmachts-BMW (die er in einer Scheune bei Salzburg „entdeckt“ hatte) freiwillig ins amerikanische Kriegsgefangenenlager in Fürstenfeldbruck gerollt war (wo er lediglich 14 Tage bleiben musste), betrachtete einige Augenblicke lang versonnen meine Maschine und schien sich dabei an seinen damaligen Husarenritt zu erinnern. Auf einmal sagte er: „Weißt du, ich habe mich einmal ziemlich geirrt. Nein, zweimal.“ Ich muss ihn ganz schön verständnislos angesehen haben, denn er fuhr fort: „Das erste Mal, als ich dich viel zu stark dazu gedrängt habe, dem Fernsehen den Rücken zu kehren und von RTL zu Springer zu wechseln. Das war mein Fehler. Und das zweite Mal, als ich dir geraten habe: ‚Mach einfach deinen Job gut, dann läuft alles wie von selbst.‘ Aber genau das ist nicht mehr der Fall, und ich glaube, es wird in unserem Job alles noch viel schwieriger werden, als es jetzt schon ist. Also, was ich dir damit eigentlich sagen wollte: Pass‘ gut auf dich auf!“

Ich bezog diese letzten mahnenden, väterlichen Worte zunächst auf die Gefahr des Motorradfahrens. Von der ersten großen Krise waren wir ja damals noch etwas mehr als neun Wochen entfernt (dann sollten die Attentäter des 11. September dafür sorgen, dass die beiden Türme des World Trade Centers in sich zusammenstürzen). Aber erst viele Jahre später habe ich  verstanden, dass er tatsächlich unseren (Traum-)Beruf gemeint hatte respektive die radikalen Veränderungen, die das (damals) kommende digitale Zeitalter für den Journalismus bereit halten würde. Ich könnte an dieser Stelle übrigens noch weitere Voraussagen oder Ahnungen meines alten Herren (auch aus anderen Lebensbereichen) zitieren, die dann auch genau so eingetroffen sind; häufig sogar erst viele Jahre später. Was mich wiederum dazu verleitet anzunehmen, dass verblüffend exakte Vorhersagen nur dann möglich sind, wenn große Lebenserfahrung mit dem genauen Blick fürs aktuelle Zeitgeschehen kombiniert wird – und für die Menschen.

Am nächsten Morgen, etwa gegen fünf Uhr, zog mein Vater dann unbemerkt „zivile“ Kleidung, also ein schickes Sakko und eine Jeans, an, verließ heimlich das Krankenhaus und bestellte sich an einer Telefonzelle ein Taxi. Gegen 6:30 Uhr erreichte er seine Wohnung, und dann muss er, vermutlich um die Mittagszeit herum, diesen bitter schmeckenden Cocktail getrunken haben, mit dem er sich der für diesen Vormittag vorgesehenen Operation entzog und meiner Mutter, 14 Jahre nach ihrem Tod, folgte.

Heute, am 22. April 2017, wäre er 100 Jahre alt geworden. Und würde er noch da sein, hätten wir kurz nach 17 Uhr bestimmt einen Gin Tonic getrunken. Mit ganz viel Eis.