Obwohl dieses gediegene Restaurant im tiefen Westen Hamburgs sozusagen „bumsvoll“ ist, wird das Essen von den zwei charmanten Servicekräften pünktlich, zeitgleich, lächelnd, schwungvoll, flink und äußerst korrekt von rechts serviert. Der Vierertisch nebenan hat geschlossen „Vierländer Ente“ bestellt, „klassisch“, mit Kroketten, Rotkohl und Sauce – „schön viel Sauce!“
Vorfreude glänzt nun in den Gesichtern der beiden Ehepaare in den besten Jahren. Teure Armbanduhren an den behaarten Unterarmen der Herren; die leicht gekürzten Hemdsärmel (nur links) unterstreichen die innige Beziehung der Träger zu ihren Meisterwerken. Dezentes Weißgold mit Perlengedöns an den Hälsen und Ohrläppchen der Damen, die Kleidung der Eheleute weist auf einen Golfplatz in nächster Nähe hin. Die Herrschaften wirken insgesamt jedoch etwas steif und noch mehr vornehm, so wie sie die Schüssel mit dem dampfenden Rotkohl ebenso andächtig wie kritisch betrachten und dabei die Servietten mit spitzen Fingern auf dem Schoß zurechtzupfen. Einer der beiden Herren erhebt feierlich sein Weinglas, seine sonore Stimme dröhnt durch den Gastraum („Ein köstlicher Tropfen dieser Primitivo, nicht wahr Bernd? Ja, denn mal einen guten! Gisela? Heike?“) und Bernd und Gisela und Heike nicken, die Gläser klingen, man bemüht sich, seinem jeweiligen Gegenüber beim Zuprosten tief in die Augen zu schauen („Sonst gibt’s sieben Jahre lang schlechten Sex!“, ruft Bernd ausgelassen), und nun ist es Frank, der wissend grinst, während die beiden Damen sich an irgendwas zu erinnern scheinen, denn sie lächeln aufreizend pikiert.
Nach diesem geradezu prickelnden Vorspiel könnte jetzt gegessen werden, aber halt, nein, da fehlt ja noch was; O mein Gott, gleich zweimal fehlt es, in den Kroketten (meint Bernd, der als erster probiert hat) und auf dem Tisch dieses Restaurants, das doch für seinen guten Service stets gerühmt wird. Es fehlt Salz, und das kann einem auch das schönste Entenessen augenblicklich verhageln, vor allem dann, wenn das schuftende Personal gerade in diesem Augenblick, also genau jetzt, alle Hände voll zu tun hat und weder auf flehende und fordernde Blicke, auf Schürzenzupfen und nicht mal auf ein „Hallo, Fräulein!“, unterstützt von energischem Fingerschnippen, reagieren mag. Oder kann.
Dabei stehen auf allen Tischen deutlich sichtbar Salzstreuer herum, doch Frank, Fürst von und zu Falkenstein und Bernd, Baron von Blankenese und ihre beiden Freifrauen Gisela und Heike wohl erst recht, bestehen stur auf dem verbrieften Recht des Gastes auf korrekte Bedienung – und warum sich zu dem Bürgerlichen am Nachbartisch herablassen, der den Herrschaften höflich seinen Salzstreuer offeriert, wenn man doch Personal hat?
Soll doch die Ente ruhig kalt werden. Dann gäbe es gleich wieder was zu meckern.