Schöner scheinen

Wenn ich wissen möchte, was für ein armseliges Leben ich in Wahrheit führe, dann ziehe ich keinen Kontoauszug, sondern mache einen kurzen Ausflug ins Internet. In mein soziales Netzwerk namens Facebook. Die meisten von Ihnen dürften es kennen, und wenn nicht, dann registrieren Sie sich bitte sofort, damit auch Sie in den Genuss kommen zu erfahren, was Sie so alles verpassen, was Sie nicht haben, was Sie vermutlich niemals besitzen, essen oder trinken oder wohin Sie garantiert niemals reisen werden.

Während ich also jetzt angestrengt darüber nachdenken muss, worüber ich mich  mal wieder echauffieren könnte; während zahllose Zigaretten uninhaliert im Aschenbecher verglühen und meine Espressomaschine ununterbrochen mahlt und dampft, sind offenbar viele meiner Zeitgenossen mit Müßiggang beschäftigt. Sie genießen zum Beispiel Pulverschnee-Abfahrten in Colorado und Haiangeln am Kap der guten Hoffnung, freuen sich über schwersten Bordeaux zu feinen Krustentieren, neue Garagenbewohner (bevorzugt: Cabrios) und, na ja, auch über das eine oder andere neue Haustier .

Das Leben der anderen, so scheint es mir, ist einfach besser, nein, es ist … reichhaltiger. Meins dagegen, so suggeriert mir jedenfalls meine Facebook-Startseite, ist, sagen wir mal, eher geerdet.

Danke für Ihr Verständnis, aber bitte jetzt kein Mitgefühl. Man muss gönnen können. Doch sollten Sie sich zufällig auf meine Facebook-Seite verirren, wundern Sie sich bitte nicht: Ich habe gerade angefangen, die prächtigsten Fotos meiner Facebook-Freunde zu klauen und als meine eigenen auszugeben. Photoshop macht vieles möglich – und irgendwie ist das Leben im Digitalen doch sowieso ein gigantischer Fake.