Mein analoges Abenteuer

Neulich fiel mir ein, dass es doch eigentlich ganz prima wäre, mal wieder zu versuchen, wildfremde Menschen „in echt“ kennen zu lernen und dabei vielleicht sogar neue Freunde zu gewinnen. Und weil das Wetter gerade so schön war, loggte ich mich aus dem Internet – genauer gesagt, aus facebook – aus, packte meine Fotoalben in die Satteltaschen und radelte trotz des kühlen Gegenwindes an die Alster, zum Jungfernstieg.

Es war trocken, die Uferpromenade war gut besucht, und ich konnte lauter junge Leute beobachten, die sich gegenseitig What‘s Apps schickten oder „tinderten“. Ihre Gesichter waren zumeist blass, ihre Nackenpartien dagegen von den Sonnenstrahlen bereits gefährlich gerötet, was an den gesenkten Köpfen lag. Ab und zu war ein Kichern zu hören, doch ansonsten lag eine fast schon gespenstische Stille über der nachmittäglichen Szenerie. Aber es ist ja auch vermutlich so gut wie unmöglich, sich miteinander zu unterhalten, wenn Ohrlautsprecher in den Gehörgängen stecken, nicht wahr?

Ja, ich habe dann einfach damit begonnen, einigen dieser jungen Leute, die auf mich sympathisch wirkten, ein paar meiner besonders gelungenen Urlaubsfotos aus den vergangenen Jahren zu zeigen. Zumeist handelte es sich um Panoramen von Gebirgszügen und traumhaften Sonnenuntergängen am Meer; hinzu kamen noch Aufnahmen von besonders leckeren, landestypischen Speisen und Getränken, die ich leider bei zum Teil sehr ungünstigen Lichtverhältnissen gemacht hatte.

Doch mein Plan ging auf. Denn alle, die ich ansprach, nahmen ihre Ohrstöpsel raus und schauten mich zunächst irritiert, dann interessiert an, da ich ihnen nun meine liberalen Ansichten über die Türkei, die deutsche Fußballnationalmannschaft, Jerome Boateng, die Flüchtlingskrise, veganes Leben, Joachim Gauck, Homophobie, Tierversuche und all meine neuen Projekte wenigstens nicht mehr ins Gesicht brüllen musste.

Kurze Zeit später erschienen zwei Herren in einem eleganten, dunkelblauen Outfit sowie drei weitere Männer, die in sommerlichem Weiß gekleidet waren. Sie sagten, dass sie Lust auf einen kleinen Ausflug hätten. Denn sie würden sich sehr gerne mit mir unterhalten, um mich besser kennen zu lernen. Die sind ja wirklich nett, dachte ich, denn sie luden sogar mein Fahrrad in ihren Bus ein, mit dem sie mich dann in ein Krankenhaus brachten. Erst beim Blutabnehmen merkte ich, dass es sich offenbar um ein riesengroßes Missverständnis handelte, aber was soll ich sagen: Man wird mich bestimmt in den nächsten Tagen entlassen. Dann werde ich ja sofort wieder online gehen – das ist vermutlich sicherer.

Im Reservat

Die Kunst, ein Egoist zu sein, besteht unter anderem darin, sein Leben eben genau so zu leben wie man es für richtig hält – auch wenn es anderen nicht unbedingt gefällt. Was jedoch nicht heißt, dass man dieses Leben zwangsläufig auf Kosten oder gar zum Schaden der anderen führt. Wenn es allerdings ums Rauchen geht, kennt unsere moderne Gesellschaft schon längst kein Pardon mehr.

Das Inhalieren und Ausstoßen von Nikotin, Kondensat, Teer und ungefähr 1000 weiteren chemischen Verbindungen, die sich in einer Zigarette versammeln, wird längst als viel gefährlicher angesehen, als der Ausstoß aller Braunkohlekraftwerke zusammen, und deshalb werden einerseits immer mehr großflächige Schutz- und Klimazonen für Nichtraucher eingerichtet, andererseits aber auch immer kleinere Reservate für diejenigen, die das Qualmen in der Öffentlichkeit einfach nicht lassen können, oder dies sogar wollen.

Federführend und richtungsweisend hierbei ist die Deutsche Bahn, die auf ihren Fernbahnsteigen – am äußersten Ende des Abschnitts A sowie am gegenüberliegenden äußersten Ende des Abschnitts H – mit leuchtend gelber Signalfarbe jeweils etwa zehn Quadratmeter große Rechtecke auf den Beton malen ließ, in deren Mitte ein zumeist überquellender Großraumaschenbecher vor sich hin stinkt. Hier ist der Platz für Raucher, hier dürfen sie sein und sich ihrer Sucht im Stehen hemmungslos hingeben, auch wenn sie sich dabei stets allen Wetterlagen ausgesetzt sehen. Aber ganz egal, ob es regnet, schneit, stürmt oder auch mal die Sonne scheint: Es geht im Grunde nur darum, dass die Süchtigen die 7,5 Zentimeter breite, leuchtend gelbe Linie nicht übertreten, sondern sich ausschließlich innerhalb der vorgezeichneten Raucherzone aufhalten.

Ganz ehrlich? Na gut, ich gebe es an dieser Stelle zu: Manchmal juckt es mich einfach, diesen imaginären Todesstreifen zu übertreten. Mit nur einem Fuß, und das auch nur halb. Um dann von jemand Außenstehendem augenblicklich eine Zurechtweisung zu erfahren, und ich schwöre Ihnen: die kommt garantiert. Ganz gleich, in welche Richtung der Wind die Rauchschwaden treibt.

Gutes Karma, schlechtes Karma

„Sammeln Sie Punkte?“ Diese Frage kennen Sie. Denn diese Frage gehört schließlich zu den Standardfloskeln des kundenorientierten Personals an den Registrierkassen des Einzelhandels und der Tankstellen. Aber mal so ganz unter uns: Diese Punkte bringen vielleicht ein paar Cent Ersparnis in der Haushaltskasse, aber sie machen weder glücklicher noch zufriedener.

Sammeln Sie in Zukunft daher lieber Punkte, die wirklich zählen – sammeln Sie Karma-Punkte!

Zugegeben, Sie können so ein Karma weder anfassen noch riechen, hören oder sehen. Aber es ist da. Ständig und ununterbrochen. Das Tolle an so einem Karma ist: Sie können es verbessern. Blöderweise können Sie Ihr Karma jedoch auch verschlechtern. Und das ist nicht gut, wenn Sie irgendwann ins Nirvana kommen wollen, das, wie man so hört, reizvoller sein soll als das Paradies.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, wie Sie Ihr Karma-Punktekonto auffüllen können. Ganz einfach: Seien Sie einfach freundlich, zu sich, zu anderen, zu Tieren, zur Natur und sogar zu Radfahrern, selbst wenn die Ihnen im Dunkeln ohne Licht die Vorfahrt nehmen. Bremsen Sie, bleiben Sie gelassen, und freuen Sie sich nicht einmal insgeheim, wenn diesem Radfahrer im nächsten Moment ein Missgeschick passieren sollte. Wenn er sich voll auf die Fresse legt zum Beispiel.

Das wäre schon mal eine gute Basis. Mit jeder weiteren guten Tat können Sie nun zusätzliche Karma-Punkte einheimsen, allerdings auch nur dann, wenn es nicht die gute Tat ist, die für Sie im Vordergrund steht, sondern einzig und allein der gut gemeinte Gedanke dahinter. Verstehen Sie? Wenn Sie also beispielsweise irgendjemandem minutenlang die Tür aufhalten, obwohl der- oder diejenige gar nicht hinein- oder hinausgehen möchte, kriegen Sie trotzdem einen Karma-Punkt. Um andererseits ihr Punktekonto nicht zu gefährden, sollten Sie zukünftig besonders aufmerksam durch die Welt gehen und gewisse Nachlässigkeiten tunlichst vermeiden: Wer etwa Bonbonpapier achtlos wegschnippt, Kippen auf dem Bürgersteig austritt oder auch einen Joghurt nur einen Tag nach dem Ablauf des Mindesthalbarkeitsdatums wegwirft, riskiert schnell ein ganz mieses Karma. Und könnte im nächsten Leben als Milchsäurebazillus wiedergeboren werden. Das Nirvana können Sie dann erstmal getrost vergessen.

Möge die Macht mit dir sein!

Der gemeinsame Fernsehabend, eng aneinandergekuschelt auf der Couch, häufig begleitet von alkoholischen Getränken, Naschkram und Knabbergebäck, gehört zu den gefühlvolleren Feierabendbeschäftigungen von Paaren. Die Kinder, sofern vorhanden, sind im Bett, das Mobiltelefon ist auf „stumm“ geschaltet – und bestenfalls ist sogar das TV-Programm genießbar. Doch gerade in dieser romantischen Situation droht eine unheimliche Gefahr: So kommen viele Lebensgemeinschaften inzwischen zwar mit wirtschaftlich notwendigen Fernbeziehungen hervorragend zurecht, aber wenn es sich um den Gebrauch der Fernbedienung des TV-Geräts handelt, liegen in der Regel schon bei der ersten leichten Korrektur der Lautstärke knisternde Spannungen in der Luft und die Nerven blank. Es ist eine fürchterliche Wahrheit, gewiss, aber die moderne Fernbedienung, ein technisches Wunderwerk mit -zigtausenden von Funktionen, ist in unserem digitalen Zeitalter der gefährlichste aller Beziehungskiller. Denn wer dieses rechteckige Dingens mit den vielen Tasten in der Hand hält, besitzt die Macht und damit auch die Chance zum Machtmissbrauch.

So finden jeden Abend in Millionen von Behausungen hinter zugezogenen Gardinen rücksichtslose Wettläufe um die Fernbedienung statt, wobei die Strecke aus der Küche zum Wohnzimmertisch grundsätzlich immer dieselbe ist. Denn nur, wer den Einschaltknopf als erster drücken kann, führt dann auch den ganzen Abend lang Regie bei der Programmgestaltung.

Hier sind besonders diejenigen im Nachteil, die nach dem Abendessen  noch einmal kurz zum Rauchen raus auf den Balkon gehen oder den Korkenzieher in der Küche vergessen: Zack, schon haben sich die Machtverhältnisse wieder geändert. Manche Menschen verzichten deshalb darauf, trotz drängender Blase auf die Toilette zu gehen; die cleveren würden die Fernbedienung selbstverständlich mit ins Bad nehmen. Strafverschärfend kommt hinzu, dass zumeist nur einer von beiden die zahllosen Funktionen der Fernbedienung überhaupt bedienen kann, und zwar derjenige, der vorher etwa vier Wochen lang die 1000 Seiten starke Gebrauchsanweisung gründlich gelesen hat. In diesem Fall sind rasche Trennungen leider vorprogrammiert.

Andererseits aber kann das freiweillige Überlassen einer Fernbedienung auch als großartiger Liebesbeweis gewertet werden; vor allem in neuen Beziehungen zählt dieser feierliche Akt weitaus mehr als das erstmalige Überreichen des Wohnungsschlüssels.

Das Atmen des Meeres

Was haben ein Campingurlaub, eine Hochgebirgstour und – wie in diesem speziellen Fall – eine Kreuzfahrt gemeinsam? – Richtig: Für alle drei dieser Urlaubsformen gibt es Regeln zu beachten. Wer also zum ersten Mal ein Zelt aufbauen, sich anseilen oder ein Schiff erkunden möchte, läuft Gefahr, von Zeltnachbarn, Alpinisten oder Mitfahrern als blutiger Anfänger entlarvt zu werden. Als Depp sozusagen. Aber, das muss ja nicht sein. Damit Sie auch auf Ihrer ersten Seereise allen Mitfahrern gegenüber mit Fachwissen punkten können, haben wir nachfolgend die richtigen Antworten auf die zehn häufigsten Fragen aufgelistet, die von unerfahrenen Kreuzfahrern in der Regel gestellt werden:

  1. Ja, das Schiff fährt auch, wenn der Kapitän schläft.
  2. Nein, es gibt keine Lifts zum Bug und auch nicht zum Heck.
  3. Sie können ganz beruhigt sein: Ihre Außenkabine befindet sich in der Regel über der Wasseroberfläche.
  4. Ja, wenn Sie an einem Landausflug teilnehmen wollen, müssen Sie vom Schiff runter.
  5. Wenn Sie beim Verlassen Ihrer Kabine plötzlich ein „Bitte nicht stören“-Schild an Ihrer Kabinentür entdecken sollten, dürfen Sie trotzdem raus auf den Gang treten.
  6. Ja, ein Kreuzfahrtschiff besitzt mehrere Stromgeneratoren, da die Menschen inzwischen zwar auf den Mond fliegen können, aber immer noch nicht in der Lage sind, vernünftige Verlängerungskabel zu konstruieren. Deshalb gibt es übrigens auch bloß Satellitenfernsehen an Bord.
  7. Den Unterschied zwischen dem Meerwasserpool und dem Süßwasserpool auf dem Oberdeck erkennnen Sie sofort an den Wellen im Meerwasserpool.
  8. Selbstverständlich werden alle Backwaren täglich frisch an Bord produziert und nicht mit dem Hubschrauber eingeflogen.
  9. Wenn Sie nach einem Landausflug feststellen, dass das Schiff bereits abgelegt hat, kann es leider nicht zu Ihnen zurückkommen.
  10. Bitte seien Sie vorsichtig, wenn Sie rauchen wollen: Die nächste Feuerwehr befindet sich an Land.

Die Frage aller Fragen

Und schon schwubbert sie wieder in unseren Köpfen herum, die ominöse „K-Frage“, also die Frage, die immer dann von den Medien aufgeworfen wird, wenn eine Partei sich im Vorfeld einer Bundestagswahl für eine Kandidatin oder einen Kandidaten entscheiden muss, mit der oder mit dem sie sich die größten Chancen ausrechnet. Nun könnte man meinen, dass die „K-Frage“ die wichtigste ever ist, da ja immerhin nicht mehr und nicht weniger als die prosperierende Zukunft unseres Landes auf dem Spiel steht.

Aber dem ist nicht so. Es gibt weitaus wichtigere Fragen, nämlich die nach dem „wie“ oder „warum“ (letztere wird vor allem von Kindern gestellt). Doch die Frage aller Fragen – um mal zum Punkt zu kommen – lautet: „Wo ist (oder wo sind)…?“

Vor allem Frauen könnten jetzt die drei Pünktchen sicherlich mit zahlreichen Substantiven ersetzen, wie zum Beispiel „Handy“, „Portemonnaie“, „Autoschlüssel“, „Handschuhe“, „Brille“, „Ausweis“, „Suppenteller“; diese Liste ließe nun sich beliebig lange fortsetzen. Sehr lange.

Das frappierende daran ist, dass die„Wo-Frage“ erstens ausschließlich von Männern gestellt werde und zweitens, auch nur dann, wenn die Frau im Hause sei. Und erstaunlicherweise würden die Männer, drittens, diese „Wo-Frage“ geradezu reflexartig herausblasen, ohne auch nur einmal selbst hinzugucken oder zu überlegen, obwohl sie doch eigentlich ganz genau wissen müssten, wo sich der Staubsauger, die Müllbeutel oder die bereits oben erwähnten Suppenteller befinden würden – weil sie schließlich schon mehrere Jahrzehnte mit ihrer Frau im selben Haushalt wohnen würden. Warum das so ist, vermag jedoch niemand zu sagen.

So soll sie heißen

Der Unterschied zwischen Familie und Freunden dürfte wohl jedem klar sein: Freunde kann man man sich aussuchen. Doch wenn es um die Namensgebung geht, war und ist jeder Mensch manchmal sogar schon vor der ersten Zellteilung dem Einfallsreichtum der Familie (oder eben auch „nur“ der Eltern) ebenso hundertprozentig wie auch gnadenlos ausgeliefert. An dieser Stelle möchte ich mich jedoch nicht über zweifelhafte Schöpfungen wie den skandinavisch beeinflusste Mädchennamen „Siv-Phyllis“, den rhätoromanischen Jungennamen „Nazi“ oder den Spitzenreiter des Chantalismus – „Bellaphina Kulabako“ – amüsieren. Ich möchte mich auch nicht über Erfindungen wie „Nivea“ (Mädchen) oder „Niveau“ (Jungen) echauffieren. Sondern ich möchte schlicht voraussagen, welcher Mädchenname im Jahr 2017 auf den Hamburger Standesämtern der Renner werden wird. Dazu bedarf keiner besonderen Fantasie. Es reicht, wenn man sich an großartige Ereignisse von nationaler Bedeutung erinnert, wie etwa den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1974, als ein Gelsenkirchener Ehepaar seinen neugeborenen Sohn auf den (Mannschafts-) Vornamen Paul Franz Rainer Gerd Jürgen Bernd Georg Berti Ulrich Wolfgang Sepp taufen lassen wollte – was der Standesbeamte jedoch nicht erlaubte. Und nun? Ich tippe ja auf „Elfi“, geschrieben mit „ph“ natürlich.