Gib‘ mir Tiernamen!

Eine der vielleicht wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte sind Namen; genauer gesagt, Vornamen, die es uns ermöglichen, innerhalb eines sozialen Verbundes – wie beispielsweise einer Familie – die einzelnen Mitglieder voneinander zu unterscheiden. Erstaunlicherweise aber gerät dieser geniale schöpferische Einfall ausgerechnet bei Paaren im Laufe ihrer Beziehung immer mehr ins Abseits.

Anstatt eines respektvoll- korrekten „Bernhard, gibst du mir mal bitte die Butter!“ heißt es durchschnittlich drei Wochen nach dem Kennenlernen „Berni, gibst du mir mal bitte…?“ und nach spätestens sechs Wochen „Schatzi, gibst du mir die…“

Schatzis – als Bernhards – korrekte Antwort würde zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nicht etwa „Hier, Bianca, bitteschön!“ lauten, sondern „Klar, Mausi, bitteschön!“ (ersatzweise auch Puschelchen, Hase, Schnucki, Süße, Purzel oder Schnuppi).

Abgesehen von exotischen Bezeichnungen wie „Schieter“ schwimmen Tiernamen auf der Kosenamenwelle weit oben. Doch was nicht wenige Menschen andererseits als unglaublich albern empfinden („Mein kleiner Rüppelfuchs, du!“), ist in Wahrheit ein unbestechlicher Gratmesser für den Zustand einer Beziehung: Denn wer genauer hinhört, dem dürfte es rasch auffallen, dass die Tiere immer größer werden, je länger eine Beziehung dauert: So mutiert (bei Frauen) „Mausi“ zumeist schon innerhalb der Drei-Jahres-Frist über „Fröschle“ zu „Hase“ und dann zu „Gans“, was dann kurz vor der Sibernen-Hochzeits-Grenze für gewöhnlich bei „Kuh“ endet; ein Nutztier, das gerne auch mit dem einen oder anderen Adjektiv gekoppelt wird. Männer hingegen verlieren ihren knuffeligen „Bärchen“-Status bereits nach etwa drei Jahren zugunsten von „Dicker“, bevor sie spätestens im verflixten siebten Jahr zum Hornochsen ernannt werden.

Einfach mal plattmachen

An jenem Mittwoch im Februar mussten wir uns auf dem Großhansdorfer Waldfriedhof von meiner Ex-Schwägerin verabschieden, die plötzlich und unerwartet verstorben war. An diesem Satz merken Sie: Das hier könnte eine sehr persönliche Geschichte werden.

Und das ist sie auch.

Gleichzeitig beinhaltet sie die Mahnung zur regelmäßigen Grabpflege. Sie wirft jedoch zusätzlich ein zweifelhaftes Licht aufs Denk- und Kombinationsvermögen einer deutschen Amtsstube – das betrifft vermutlich ebenso Mitarbeiter der Post – doch darüber hinaus erzählt sie ein unglaubliches Beispiel von Aufmerksamkeit und Empathie.

Doch der Reihe nach: Wo ich also schon mal auf dem Friedhof weilte, ging ich nach der Trauerfeier rasch zum Grab meiner Eltern. Es ist ein Doppelgrab, die offizielle Bezeichnung lautet H 186 und H 187; es liegt etwas schattig und feucht an einem Tannengehölz, einer Art grüner Wand.  Die Pflege ist leidlich mühsam, und sie wurde, das muss ich zu meiner Schande gestehen, auch nicht überaus regelmäßig ausgeführt. So ist das wohl häufig, wenn zwischen Wohnsitz und Familiengrab eine Stunde Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln liegen. Und so ist das eben auch, wenn die Versprechungen der lieben Verwandtschaft vor Ort, sich ab und zu mal auf dem benachbarten Friedhof sehen zu lassen, irgendwie in der Luft verpuffen. Das ist menschlich.

Das Grab sah – gelinde gesagt – ziemlich schrecklich aus nach diesem Winter, der keiner war: Die Bodendecker verkümmert, die kleinen Ziertannen halb verfault, der Rhododendron zu üppig; vom – ebenfalls ungepflegten – Einzelgrab nebenan hatte das Unkraut rübergemacht, doch immerhin war der Stein, dank eines umstrittenen Chemiewaffeneinsatzes im Herbst des vergangenen Jahres sauber. Meine Entscheidung fiel binnen einer Millisekunde: Ich nahm mir vor, das Grab umzugestalten, doch diesmal mit der Hilfe eines Gärtners.

Noch am selben Nachmittag verabredeteten wir uns für den neunten März.

So, und jetzt möchte ich Sie fragen: Glauben Sie an Zufälle? Oder glauben Sie vielleicht an unerklärliche kosmische Zusammenhänge? Denn an diesem Abend erhielt ich eine MMS, von einem mir unbekannten Michael P. aus Großhansdorf, der schrieb: „Hallo Herr Schuller, ich meine, Sie und Ihren Vater vor sehr langer Zeit im Golfclub Hamburg-Ahrensburg gesehen zu haben. Den Aushang der Gemeinde Großhansdorf habe ich zufällig entdeckt, vielleicht von Interesse für Sie. Wenn nicht, bitte ich die Störung zu entschuldigen.“

Vor langer Zeit heißt: Herr P. hatte meinen Vater (Handicap 22) und mich (ich durfte Caddie spielen) vor etwa 40 Jahren gesehen, nach der Platzrunde. Gesehen, nicht gesprochen, wohlgemerkt.

Neugierig öffnete ich die angeheftete Nachricht, ein Foto des Aushangs der Gemeinde Großhansdorf. Diese „Bekanntmachung pflegebedürftiger Grabstätten“ lautete: „Da der Aufenthaltsort des Nutzungsberechtigten für diese Grabstätte unbekannt ist, werden gemäß §13 Abs. 7 der Friedhofssatzung vom 9.07.2001 die Namen der zuletzt in diesem Grab Bestatteten veröffentlicht. Sollten bis zum 04.03.2017 keine Angehörigen ermittelt werden, wird das Nutzungsrecht an dieser Grabstelle entzogen.“ Zu Deutsch: Am darauffolgenden Tag wäre das Grab, obwohl die Nutzungsdauer erst in zehn Jahren abläuft, eingeebnet worden. Sagte jedenfalls die freundliche Mitarbeiterin des Friedhofsamtes der Gemeinde, bei der am Donnerstagmorgen am Telefon „sofort etwas klingelte“, als ich meinen Namen nannte. Ja, meinte sie, es habe da nämlich schon vor eineinhalb Jahren eine Beschwerde der Friedhofsgärtner gegeben, und man habe mich darauf hin auch angeschrieben – nur hätte ich mich ja leider nicht gemeldet. „Was auch nicht verwunderlich ist“, warf ich schüchtern ein, „da ich mich an kein derartiges Schreiben erinnern kann.“

„Doch, Sie haben von uns ein Schreiben bekommen. Sogar zwei Mal!“, beharrte die Dame und begann, sämtliche meiner (ehemaligen fünf) Meldeadressen aufzuzählen – allerdings bis auf die entscheidende, die sechste, die aktuelle Hamburger Adresse nämlich, unter der mich jeder, der will, seit sechs Jahren in Hamburg finden kann. Und dann sagte sie: „Die Schreiben sind schließlich in Barsbüttel erfolgreich zugestellt worden!“

Ah ja. Barsbüttel. Stimmt. Da hatte ich tatsächlich mal gewohnt. Von 1990 bis 1993.

„Und was wäre dann am 9. März gewesen, wenn ich mich mit dem Gärtner am Grab meiner Eltern getroffen hätte?“, fragte ich. „Das wäre wohl eine Katastrophe gewesen“, antwortete sie, nun hörbar betroffen, und da wollte ich ihr wirklich nicht widersprechen.

Um es kurz zu machen: Bei meinen insgesamt acht, offensichtlich erbärmlichen, Grabpflegeversuchen innerhalb der vergangenen 18 Monate, hatte ich jedoch keine Benachrichtigung, etwa in Form eines Schildes („Bitte melden Sie sich bei der Friedhofsverwaltung“), vorgefunden. Dafür lebte ich offenbar als Phantom in Barsbüttel, wo man die Briefzusteller vielleicht besser auf ihre Eignung hin überprüfen sollte.

Doch auch ein genauerer Blick ins Melderegister sei der Großhansdorfer Gemeindeverwaltung an dieser Stelle empfohlen. Ja, und ich werde mich natürlich zukünftig intensiver um die letzte Ruhestätte meiner Eltern kümmern. Vor allem aber möchte ich mich bei Herrn P. aus Großhansdorf bedanken, der zufällig in einer regnerischen Februarnacht durch den Großhansdorfer Barkholt am Rathaus vorbei spazieren ging, genauer hinschaute, nachdachte und einen Moment lang mit sich  rang, bevor er mir eine MMS schickte. Womit er jedoch in dieser Geschichte eine wahrhaft bemerkenswerte Rolle spielt, zu meinem großen Glück.

Cord und Blö und Beschermehl

Heute gibt’s beim Chinamann um die Ecke ein richtig leckeres „Pannengericht“, „Bambi-Goreng“ nämlich, „Achtung sähr schaf!“

Immer dann, wenn ich Rechtsschreibfähler oder Sinnentstellendes in einer Speisenkarte entdecke (es heißt wohl wirklich Speisen- und nicht Speisekarte), kommt der deutsche Oberlehrer in mir durch. Dass an unseren Lieblings-Urlaubszielen die zumeist viersprachigen Menükarten der kulinarischen Touristenfallen Fehler enthalten, die zumeist köstlicher sind als die Speisen an sich (beispielsweise „Fritierter Tittenfisch“ oder „Hackauflauf mit Oberschiene“), ist verständlich, denn die meisten Menschen schreiben schließlich nach Gehör, wenn sie eine fremde Sprache gar nicht oder nur rudimentär kennen. Aber muss es deshalb gleich „Bratwuast im Brötchen“ heißen? Oder „Cordundblö mit feinen Gemüsen“?

Inzwischen bin ich überzeugt davon, dass all diese falsch geschriebenen Gerichte aus einer speziellen Speisenkarten-Agentur stammen, wo sich eine Gruppe bekiffter, durchgeknallter Texterinnen und Texter den ganzen Tag damit beschäftigt, Angebote wie „Leckere vegetarische Fisch, Fleisch- und Nudelgerichte“, „Brokkoli-Kartoffel-Auflauf mit Bechermehlsoße überbacken“, „Rinderrolladen“ oder „Koteletten in Soße“ zu ersinnen. Das könnte haarig werden. Und, ach ja: Gibt es das „Rumsteak“ eigentlich auch ohne Alkohol? Sonst tanz‘ ich gleich eine „Spaghetti Polonaise“.

Gastronomen, die sich die (vermuteten) Agenturkosten sparen wollen, nutzen zumeist den Google-Übersetzer, was zum Beispiel einen „Erbseneinlauf mit Speck“ zur Folge hat oder ein „Schokomüssee“, dicht gefolgt von den Schokomuffen“ oder der „Surkrem“ zur gebackenen Ofenkartoffel. Mal ehrlich: Wie häufig haben Sie schon ein „Lachsteak“ oder „Laxsteak“ anstatt eines Lachssteaks serviert bekommen? Der Vorschlag eines Hotels, doch heute mal mit „Cornfreaks“ in den Tag zu starten, ist dagegen sicherlich reizvoll.

Noch ein Tipp: Sollte  unten auf der Karte „Wenn Sie jetzt Fragen haben – wir braten sie gerne!“ steht, sollten Sie sicherheitshalber das Lokal wechseln.

Schöner scheinen

Wenn ich wissen möchte, was für ein armseliges Leben ich in Wahrheit führe, dann ziehe ich keinen Kontoauszug, sondern mache einen kurzen Ausflug ins Internet. In mein soziales Netzwerk namens Facebook. Die meisten von Ihnen dürften es kennen, und wenn nicht, dann registrieren Sie sich bitte sofort, damit auch Sie in den Genuss kommen zu erfahren, was Sie so alles verpassen, was Sie nicht haben, was Sie vermutlich niemals besitzen, essen oder trinken oder wohin Sie garantiert niemals reisen werden.

Während ich also jetzt angestrengt darüber nachdenken muss, worüber ich mich  mal wieder echauffieren könnte; während zahllose Zigaretten uninhaliert im Aschenbecher verglühen und meine Espressomaschine ununterbrochen mahlt und dampft, sind offenbar viele meiner Zeitgenossen mit Müßiggang beschäftigt. Sie genießen zum Beispiel Pulverschnee-Abfahrten in Colorado und Haiangeln am Kap der guten Hoffnung, freuen sich über schwersten Bordeaux zu feinen Krustentieren, neue Garagenbewohner (bevorzugt: Cabrios) und, na ja, auch über das eine oder andere neue Haustier .

Das Leben der anderen, so scheint es mir, ist einfach besser, nein, es ist … reichhaltiger. Meins dagegen, so suggeriert mir jedenfalls meine Facebook-Startseite, ist, sagen wir mal, eher geerdet.

Danke für Ihr Verständnis, aber bitte jetzt kein Mitgefühl. Man muss gönnen können. Doch sollten Sie sich zufällig auf meine Facebook-Seite verirren, wundern Sie sich bitte nicht: Ich habe gerade angefangen, die prächtigsten Fotos meiner Facebook-Freunde zu klauen und als meine eigenen auszugeben. Photoshop macht vieles möglich – und irgendwie ist das Leben im Digitalen doch sowieso ein gigantischer Fake.

 

Stay tuned, stay at home

Sie machen sich Gedanken, wo es in diesem Jahr im Urlaub hingehen soll? Hören Sie auf damit. Und glauben Sie den Versprechungen der Reiseveranstalter kein Wort, die behaupten, nur mit einer Reise könne man dem Alltag entfliehen. Denn hinter Ihrer Haus- oder Wohnungstür oder hinter der Landesgrenze, womöglich noch hinterm Horizont, herrscht ebenfalls bloß grauer Alltag.

Überlegen Sie doch mal: Erst putzen Sie tagelang wie bekloppt Ihr Heim, weil Sie sich schon vor der Abreise auf Ihre Rückkehr freuen. Dann müssen Sie Muschi, Bello oder Hansi unterbringen und noch einen gnädigen Freund oder Nachbarn finden, der sich in Ihrer Abwesenheit um Ihren Briefkasten und das Wässern Ihrer Pflanzen kümmern soll. Dabei sind Sie zu diesem Zeitpunkt längst ein nervliches Wrack, weil Sie ja schon vor Monaten einen Haufen Geld ausgegeben haben – ohne jedoch zu wissen, ob Ihre Urlaubsunterkunft so beschaffen ist, wie im Katalog angepriesen.

Dann stehen Sie beinahe ununterbrochen im Stau oder fliegen wegen der überbuchten Maschine erst 16 Stunden später ab, bloß um beispielsweise an der Algarve zu essen, zu trinken, mit zahllosen Fremden in Kontakt zu kommen, auf die Toilette zu gehen und sich die Zähne zu putzen – wenn ihr Koffer zufällig mit Ihnen mitgereist sein sollte.

Sehen Sie: Das alles könnten Sie  zu Hause viel günstiger haben! Abgesehen davon, dass Sie sich nicht mit defekten Klimaanlagen, Durchfällen, englischen Touristen, russischen Touristen, schreienden Kindern, Seeigeln, Wellen, kaputten Aufzügen, unfreundlichem Personal und Sonnenbrand herumschlagen müssen, sowie mit der größten Lüge aller Zeiten, die da lautet: „Reisen bildet und erweitert den Horizont.“ Nein. Denn Sie werden, ganz egal wohin Sie auch verreisen werden, nichts Neues erfahren, das Sie nicht schon im TV gesehen haben. Nehmen Sie sich  daher bitte die Weisheit des chinesischen Denkers Lao Tse zu Herzen, der sagte: „Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.“ Sie aber benötigen gerade mal drei, um anzukommen. In Ihrem Fernsehsessel.

Auf dem Bazar

Dürfen türkische Politiker in Deutschland auf Wahlkampfveranstaltungen für die angestrebte, neue präsidiale Verfassung ihres Landes auftreten?

Mmmh. Ja. Nein. Unter Umständen…

Wir vermuten, nein, wir wissen es ja längst, was Recip Erdogan mit dieser Verfassungsänderung bewirken will, doch hat er – zumindest nicht ganz – unrecht, wenn er von einem demokratischen Staat wie der Bundesrepublik politische Rede- und Meinungsfreiheit einfordert, und sei es, um für ein autokratisches System zu werben.  „Andere“, auch unangenehme bzw. unwillkommene Meinungen könnte man hierzulande auch zulassen.

Aber Recip Erdogan übersieht ob seiner aktuellen rhetorischen Keulen an der Grenze zur Zurechnungsfähigkeit den Juni 2016, als die türkische Regierung – nach der Armenien-Resolution des Bundestages – dem Verteidigungsstaatssekretär Ralf Brauksiepe (CDU) einen Besuch bei den in Incirlik stationierten Bundeswehrsodaten verweigerte.

Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte damals erklärt, Besuche von Politikern auf der Basis Incirlik würden „nicht als passend erachtet“.

Erst die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen durfte nach langem diplomatischen Hickhack schließlich doch zum Truppenbesuch in die Türkei abheben – den Abgeordneten des Bundestags wird ein Besuch weiterhin  verwehrt. Nur zur Erinnerung: Die Türkei und die Bundesrepublik sind Mitglieder der NATO.

Das imaginäre Tischtuch zwischen den beiden Ländern ist zerfetzt. Denn da ist auch nach wie vor der Fall des inhaftierten WELT-Korrespondenten Denis Yüczel, der mittlerweile in Untersuchungs-Einzelhaft sitzt, und nach Ansicht zahlreicher türkischer Exilanten als Geisel (oder als Faustpfand) missbraucht wird. Vielleicht sollte man sich daher einmal an die Gepflogenheit erinnern, die auf orientalischen Märkten zum guten Ton dazugehört – ans Handeln (oder Schachern oder Feilschen). Lassen Sie Deniz Yüczel frei, Herr Präsident, beweisen Sie so Ihre demokratische Grundhaltung – und dann bekommen Sie und/oder Ihre Regierungsmitglieder die gewünschte Werbezeit vor ihren türkischen Anhängern hier in Deutschland.

Das würde ich dann mal einen gelungenen Dialog nennen.

Sara Stein ermittelt

In eigener Sache – wozu gäbe es sonst die sozialen Netzwerke:

Am kommenden Montag, 6. März 2017, möchte ich die reizende Kommissarin Sara Stein, die zunächst in Berlin, dann in Tel Aviv, obskure Mordfälle aufklären muss, zum ersten Mal persönlich ins Licht der Öffentlichkeit zerren. Man könnte auch in totaler Unbescheidenheit von einer Weltpremiere sprechen.

Das Ganze findet auf meinem geliebten Kiez in Hamburg statt, genauer gesagt im Stadtteil Hamm (Nord). Ja ja, da werden jetzt einige wieder unken: „Hamm und Horn erschuf Gott im Zorn.“ Dem ist aber nicht so, ich schwör‘ (!) – vor allem nicht in den Hammer Weinen, wo diese Lesung um 19.30 Uhr beginnen wird. Um rechtzeitige Reservierung wird gebeten, am besten telefonisch unter der Nummer 040 5003 7514, immer ab 14 Uhr. Die Karten im Vvk kosten acht, an der Abendkasse zehn Euro.

Auch der Termin meiner nächsten Lesung steht bereits fest: Am 23. März 2017 um 17 Uhr auf der Leipziger Buchmesse – Halle 5, Stand D 206 (amazon publishing). Natürlich in hochdeutsch…

Law & Order im Untergrund

Gibt es eine spannendere Lektüre als eine„Garagennutzungsverordnung“? Die Garage, um die es hier geht, ist unterirdisch, im doppelten Sinne. Sie liegt unter einer kurzgeschorenen Grünfläche einer Wohnanlage aus den 50er Jahren im schönen Hamburger Stadtteil Hamm. Hamm-Nord. 24 Parkbuchten von leicht unterschiedlicher Größe sind dort in Beton gegossen, die Warteliste ist lang.

Die Garagennutzungsverordnung sieht vor, dass in der Garage ausschließlich Autos und andere motorisierte KFZ abgestellt werden dürfen, aber bitteschön keine Fahrräder, woran sich jedoch kaum einer der Mieter hält: Denn Fahrräder, vor allem moderne E-Bikes, lassen sich nur mühsam durch die engen Gänge und über die schmalen Treppen der Wiederaufbau-Häuser  in den Fahrradkeller transportieren.

Die Lösung der Autobesitzer, die größtenteils auch Fahrräder oder einen Motorroller ihr eigen nennen, hört sich pragmatisch und gesund an: Sie verständigten sich bilateral und unter Umgehung der Hausverwaltung darauf, im Bedarfsfall untereinander größere und kleinere Parkbuchten zu tauschen, und wer bloß einen Kleinwagen fuhr, gestattete es seinen Mitmietern, den freien Platz mit einem oder zwei Fahrrädern oder auch einem Motorroller – übergangsweise – zu nutzen.

Dieses System funktionierte prima, bis, ja, bis zwei neue Mieter auf dem Plan erschienen, ein Ehepaar in mittleren Jahren, das sich rasch über diese Zustände empörte: Zunächst leise im Hausflur, dann lauter mit Handzetteln im Treppenhaus und schließlich unüberhörbar mit Anrufen, Mails und Einwurfeinschreiben bei der Hausverwaltung, in denen es auf die andauernden und nicht zu tolerierenden Verstöße gegen die bestehende Garagennutzungsverordnung hinwies. Das Motto lautete: „Hier macht ja offensichtlich jeder, was er will!“

An dieser Stelle ist zu bemerken, dass die beiden selbsternannten Parkwächter ebenfalls zwei Fahrräder auf ihrer angemieteten Parkbucht abstellten. Die Hausverwaltung geriet augenblicklich in eine Art Alarmzustand: Denn eklatante Verstöße gegen eine Garagennutzungsverordnung wie das Abstellen von Fahrrädern zuzüglich des unbefugten Tauschens von vermieteten Plätzen sind keine Kleinigkeit. Regeln bleiben nun mal Regeln, auch wenn sie unsinnig erscheinen. Und so darf seit dem 1. März, seit heute, niemand sein Fahrrad mehr in dieser Garage abstellen. Auch nicht übergangsweise. Auch die beiden Querulanten nicht. Dagegen haben sie übrigens sofort Beschwerde eingelegt. Bei der Hausverwaltung.

Urlaubsreisen in die Türkei boykottieren?

Es ist gar nicht einmal so lange her (18. Februar 2017), da jubelten in der Oberhausen-Arena viele Tausende von in Deutschland lebenden Türken auf einer Veranstaltung dem türkischen Premierminister Yildirim zu. Dieser Mann (besser: diese Marionette des Autokraten Erdo?an), der mutmaßlich für die Bespitzelung  von Imamen in deutschen muslimischen Gemeinden zuständig bzw. verantwortlich ist, nutzte ausgerechnet das hierzulande demokratisch verankerte Recht auf Versammlungs,- Presse- und Meinungsfreiheit, um die zehntausende Opfer der Politik seines Präsidenten in der Türkei der Lächerlichkeit preiszugeben und sie von Landsleuten verhöhnen zu lassen, die sich eigentlich glücklich schätzen sollten, in einer echten Demokratie leben,  arbeiten und demonstrieren zu dürfen.

Das mochte rechtsstaatlich vielleicht in Ordnung sein, aber gleichzeitig ist das Verhalten des deutschen Staates beschämend. Denn es wurde – von einigen mahnenden Worten einmal abgesehen – einmal mehr zugelassen, dass der „Außenposten Deutschland“ des türkischen Regimes wieder ein Stück weit gefestigt werden konnte.

Dabei war und ist es doch inzwischen unübersehbar, was in der Türkei mit der Demokratie bzw. den Menschenrechten passiert.

Doch jetzt, wo durch ein weiteres Skandalurteil der deutsch-türkische Korrespondent der Tageszeitung Die Welt, Denis Yücel, von einem Haftrichter nach zwei Wochen in Polizeigewahrsam in Untersuchungshaft gesteckt wurde – und dass, obwohl Yücel vor 14 Tagen freiwillig auf einem Polizeirevier erschienen war, um gegen die haltlosen Vorwürfe („Unterstützung terroristischer Kräfte“) Stellung zu beziehen – besteht zumindest die Chance, eine entschlossene Kehrtwendung in der deutschen Türkei-Politik einzuleiten und nicht mehr tatenlos dabei zuzusehen, wie die Diktatur am Bosporus weiterhin an Stärke gewinnt – und Erdo?an an Macht. Nichts zu hören, nichts zu sehen und vor allem nichts zu sagen ist schon längst nicht mehr dazu geeignet, um unser Recht dauerhaft zu schützen. Die Zeit der diplomatischen Erpressbarkeit muss jetzt vorbei sein, und selbst wenn Erdo?an tatsächlich die stacheldrahtbewehrten Tore der Flüchtlingslager öffnen will (sein Faustpfand), dann sollte die Europäische Gemeinschaft diese Möglichkeit nutzen um zu beweisen, dass dieses offenbar doch fragilere Konstrukt aus beinahe 30 Staaten doch in der Lage wäre, auch noch eine weitere „Welle“ zu verkraften.

Aber auch wir können etwas tun, auch wenn es vielen vermutlich schwerfallen dürfte, auf einen Urlaub an der türkischen Riviera zu verzichten; vor allem jetzt, wo in dieser Saison sogar die Übernachtungspreise für Fünf-Sterne-Hotels ins Bodenlose fallen.

Leider gibt es jedoch auch das Argument, dass durch einen Boykott dieses Urlaubsparadieses Millionen Beschäftigte in der türkischen Tourismus-Industrie sowie der türkische Einzelhandel bestraft würden, wo doch die Wahlkreise an der türkischen Westküste im November 2015 beinahe ausnahmslos von der kemalistischen, sozialdemokratischen CHP erobert wurden, der ältesten Partei des Landes und der wichtigsten und größten oppositionellen Kraft im aktuellen Parlament.

„Die Tourismusindustrie macht zwar nur sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes aus. Allerdings stellt sie die Jobs für mehr als acht Prozent der Türken. Experten sagen voraus, dass die Umsätze im Tourismus, der für die Türkei in etwa eine Schüsselbranche ist wie die Automobilindustrie in Deutschland, etwa um ein Viertel zurückgehen werden. Damit dürften dem Land Einnahmen in Höhe von umgerechnet rund sieben Milliarden Euro entgehen. Man stelle sich vor, was hierzulande los wäre, wenn die deutschen Autobauer derartige Prognose machen würden.“ (Zitat: Die Welt)

Putin gegenüber, der nach dem Abschuss eines russischen Militärjets einen Urlaubsboykott gegen die Türkei verhängt hatte (was einen Umsatzverlust von rund 2,3 Milliarden Euro nach sich zog), war  Erdo?an schließlich eingeknickt: Er hatte einen Entschuldigungsbrief geschrieben und tut jetzt alles dafür, um den Zaren im Kreml bei Laune zu halten. Tatsächlich aber wäre ein Urlaubsboykott – der hierzulande natürlich nicht „von oben verordnet werden kann“; eine wirksame, weil empfindliche Maßnahme, mit der die Stellung des allmächtigen Präsidenten geschwächt werden kann. Axel Angermann, Chefvolkswirt der Feri Investment Research, warnte bereits Ende 2016 vor einer „verhängnisvollen Abwärtsspirale“, in der sich die Türkei befände: Denn um die Wirtschaft zu stärken, den Konsum anzukurbeln und die Unternehmen zu Investitionen zu bewegen, senkt die türkische Zentralbank den Leitzins immer weiter nach unten. Damit beschleunigt sie die Talfahrt der türkischen Lira an den internationalen Finanzmärkten; die Währung hat seit Mitte 2013 eh schon rund 40 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren. Diese Talfahrt kann (konnte) nur durch die Konsum- und Investitionslust der Verbraucher und Unternehmen vorübergehend aufgehalten werden – eben auch durch Urlauber.

Sie entscheiden zwar nicht allein darüber, wie sich die gesamte türkische Wirtschaft entwickeln wird. Aber der Tourismus ist ein extrem wichtiger Devisenbringer für dieses Land, das wegen seiner Abhängigkeit von ausländischem Kapital wirtschaftlich sehr leicht verwundbar ist. Denn nach wie vor importiert die Türkei deutlich mehr, als sie exportiert. Das Handelsbilanzdefizit steigt, damit die Verschuldung im Ausland, und in der Türkei drohen bereits wieder Massentlassungen.

Geld ist vermutlich das einzige Druckmittel, gegen das Erdo?an nicht immun ist. Geben wir es ihm daher nicht. Fahren wir in den Ferien doch einfach mal ganz woanders hin.

Echt bedient

Obwohl dieses gediegene Restaurant im tiefen Westen Hamburgs sozusagen „bumsvoll“ ist, wird das Essen von den zwei charmanten Servicekräften pünktlich, zeitgleich, lächelnd, schwungvoll, flink und äußerst korrekt von rechts serviert. Der Vierertisch nebenan hat geschlossen „Vierländer Ente“ bestellt, „klassisch“, mit Kroketten, Rotkohl und Sauce – „schön viel Sauce!“

Vorfreude glänzt nun in den Gesichtern der beiden Ehepaare in den besten Jahren. Teure Armbanduhren an den behaarten Unterarmen der Herren; die leicht gekürzten Hemdsärmel (nur links) unterstreichen die innige Beziehung der Träger zu ihren Meisterwerken. Dezentes Weißgold mit Perlengedöns an den Hälsen und Ohrläppchen der Damen, die Kleidung der Eheleute weist auf einen Golfplatz in nächster Nähe hin. Die Herrschaften wirken insgesamt jedoch etwas steif und noch mehr vornehm, so wie sie die Schüssel mit dem dampfenden Rotkohl ebenso andächtig wie kritisch betrachten und dabei die Servietten mit spitzen Fingern auf dem Schoß zurechtzupfen. Einer der beiden Herren erhebt feierlich sein Weinglas, seine sonore Stimme dröhnt durch den Gastraum („Ein köstlicher Tropfen dieser Primitivo, nicht wahr Bernd? Ja, denn mal einen guten! Gisela? Heike?“) und Bernd und Gisela und Heike nicken, die Gläser klingen, man bemüht sich, seinem jeweiligen Gegenüber beim Zuprosten tief in die Augen zu schauen („Sonst gibt’s sieben Jahre lang schlechten Sex!“, ruft Bernd ausgelassen), und nun ist es Frank, der wissend grinst, während die beiden Damen sich an irgendwas zu erinnern scheinen, denn sie lächeln aufreizend pikiert.

Nach diesem geradezu prickelnden Vorspiel könnte jetzt gegessen werden, aber halt, nein, da fehlt ja noch was; O mein Gott, gleich zweimal fehlt es, in den Kroketten (meint Bernd, der als erster probiert hat) und auf dem Tisch dieses Restaurants, das doch für seinen guten Service stets gerühmt wird. Es fehlt Salz, und das kann einem auch das schönste Entenessen augenblicklich verhageln, vor allem dann, wenn das schuftende Personal gerade in diesem Augenblick, also genau jetzt, alle Hände voll zu tun hat und weder auf flehende und fordernde Blicke, auf Schürzenzupfen und nicht mal auf ein „Hallo, Fräulein!“, unterstützt von energischem Fingerschnippen, reagieren mag. Oder kann.

Dabei stehen auf allen Tischen deutlich sichtbar Salzstreuer herum, doch Frank, Fürst von und zu Falkenstein und Bernd, Baron von Blankenese und ihre beiden Freifrauen Gisela und Heike wohl erst recht, bestehen stur auf dem verbrieften Recht des Gastes auf korrekte Bedienung – und warum sich zu dem Bürgerlichen am Nachbartisch herablassen, der den Herrschaften höflich seinen Salzstreuer offeriert, wenn man doch Personal hat?

Soll doch die Ente ruhig kalt werden. Dann gäbe es gleich wieder was zu meckern.