Den Jahreswechsel durfte ich in Wien bei Freunden verbringen, und da ich bis dato noch NIE in einen „Heurigen“ eingekehrt war, hielten meine Freundin und ich es für eine gute Idee, die österreichische Familie, die uns so generös bewirtete, in ein solches Weinlokal einzuladen. Und dort geschah dann DAS, was mich dazu bewog, für den Reiseteil des Hamburger Abendblattes eine mehr oder minder lustige Glosse zu schreiben – nach rund 100 solcher wöchentlich erscheinender Kolumnen ist man als Autor schließlich für jede Themenanregung dankbar. Die rund 50 Zeilen erschienen am ersten Januarwochenende unter der Überschrift „Schunkeln, Teutonia“ und lasen sich SO:
Vielleicht haben Sie sich ja schon einmal gefragt, warum wir Deutschen im Ausland zwar gern als zahlende Gäste gesehen werden – mehr aber auch nicht. Nun begab es sich am vorletzten Tag des vergangenen Jahres im „Alten Zechhaus“ zu Gumpoldskirchen am Rande des Wienerwalds, dass ein Stuttgarter Reisebus sich durch einen Stau auf der Autobahn um eineinhalb Stunden verspätete, sodass der gebuchte Akkordeonspieler bereits zum nächsten „Heurigen“ weitergezogen war. Zur Erklärung: Die Einkehr in einen „Heurigen“ in einem der vielen Weindörfer, die sich um Wien herum verteilen, gehört zu den Höhepunkten einer Gruppenreise in die österreichische Hauptstadt. „Heurige“ sind rustikale Schänken, die von den ansässigen Weinbauern selbst betrieben werden. Serviert werden neben den Weinen des Hauses deftige Schmankerl aus österreichischer Küche. Doch was darüber hinaus zu einem gruppendynamischen „Heurigen“-Besuch gehört, und zwar unbedingt, ist zünftige Schrammelmusik, weil spätestens nach dem Hauptgang beim trinkfreudigen deutschen Publikum die genetisch bedingte Schunkellust einsetzt. Doch an diesem Abend ließen 37 schwäbische Senioren trotz des formidablen Backhendls und des süffigen Rotgipflers (einer uralten Rebsorte, die nur noch in dieser Gegend angebaut wird), bloß ihre Köpfe hängen … Bis, ja bis ein bis dahin unscheinbarer Herr aus ihrer Mitte den lederbehosten Kellner listig fragte, ob „denn nicht zufällig ein Akkordeon vorhanden sei“. Der Kellner nickte, was ein Fehler war, und so ertönte nur wenig später „La Paloma“ durchs „Alte Zechhaus“, gefolgt von „Ein Schiff wird kommen“, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und „Rosamunde“. Die 37 Schwaben kannten dummerweise jede Strophe – und spätestens bei „Du schöner Westerwald“ und „Lili Marleen“ hüpften dann die Topfenknödel vor Scham aus der Vanillesoße. Was die eingangs gestellte Frage nach unserem Beliebtheitsgrad ausreichend beantworten sollte.
Durchaus selbstkritisch möchte ich an anmerken, dass diese Glosse sicherlich nicht zu der Handvoll Riesenbrüller gehört, auf die ein Autor zurecht stolz sein kann. Nein, ich habe bloß eine winzige, vermutlich vollkommen banale Momentaufnahme in die Tastatur gehackt. Aber was mich dann erstaunte, waren die empfindlichen Reaktionen einiger Leser, die es sich nicht nehmen ließen, „Die (deutsche) Fahne hoch“ zu halten.
Peter F.: „Ist Deutschland etwa nicht Ihr Vaterland?“
Harald K.: „Sehr geehrte Redaktion des Abendblattes, ich möchte zum genannten Artikel wie folgt Stellung nehmen: Beim Lesen des Artikels sollte man in Erinnerung haben, dass der Begriff „Teutonia“ eine im Hoch- und Spätmittelalter übliche lateinische Bezeichnung für die Deutschen ist und „teutonisch“ oft abwertend für „deutsch“ verwendet wird. Nun missfiel dem Autor ja offensichtlich nicht die Lautstärke der Sänger sondern die Auswahl der Lieder, denn „Lili Marleen“ gilt ihm ja wohl als die negative Steigerung von „Ein Schiff wird kommen“ aus dem Jahr 1960. Über Musikgeschmack darf man streiten und über unangemessen lautes Auftreten in Gaststätten auch. Aber was treibt den Autor zu der herablassenden Wertung, die Senioren, denen er auch nur einfach alkoholbedingte Lustigkeit hätte unterstellen können, hätten sich wie im Spätmittelalter verhalten und u.a. Lili Marleen sei einfach nur beschämend. Das Lied hat sicherlich engen Bezug zur Nazizeit. Aber selbst mein Vater, aufgrund siebenjährigen Kriegseinsatzes und Zerbombung seines Elternhauses ebenso überzeugter Nazi-Hasser wie ich, mochte das Lied. Beschämend finde ich allerdings, dass die Kritik des Autors ohne Kenntnis der 37 Schwaben ihnen in geradezu grotesker Weise militaristisches Verhalten unterstellt. Das scheint er ja auch durch die im Befehlston „Schunkeln, Teutonia“ geschriebene Überschrift zu beabsichtigen. Ich kann dem Autor nur raten: abrüsten ! Wenn feuchtfröhliche Touristen wie hier aufgrund eines relativ harmlosen Verhaltens in die rechte militante Ecke gestellt werden muss man sich nicht wundern, wenn diese dann sagen könnten: dann kann ich ja gleich mindestens AfD wählen, in der Ecke sieht man mich ja ohnehin schon. Mit der Art dieses Artikels spielt Journalismus mit dem Feuer.“
„Hans Hans“: „Hallo Herr Schuller, ich hoffe ich bin bei Ihnen richtig, wenn es um den Artikel im Hamburger Abendblatt „Schunkeln Teutonia geht“. Ertsmal möchte ich Ihnen mein Mitleid aussprechen, da Sie ja aufgrund Ihrer Herkunft noch nie herzlich im Ausland empfangen wurden. Warum um Himmelswillen ist es mit Scham verbunden, wenn 37 Senioren „oh du schöner Westerwald“ singen? Welches Liedgut stünde einem Deutschen im Ausland Ihrer Meinung nach gut zu Gesicht? Wenn Sie so etwas wie Scham empfinden, können Sie im Bezug auf Ihre Herkunft auch Stolz fühlen?“
Sie waren eben niemals weg.