Depressionen, Psychosen, Essstörungen: Die Zahl der Menschen, die Hilfe suchen, steigt dramatisch an. Für schwere psychische Erkrankungen gilt das nicht unbedingt, doch die Angst vor psychischen Erkrankungen ist trotzdem groß. Häufig zeigen sich die ersten Symptome bereits im Jugendalter, aber sie werden nicht rechtzeitig erkannt. Die Psychiater und medizinischen Psychologen am Universitätsklinikum Eppendorf beschreiten jetzt neue und erfolgversprechende Wege bei der Behandlung dieser extrem teuren Volkskrankheiten, die jeden treffen können. Dabei geht es auch um den Abbau von Vorurteilen: Gemeinsame Projekte mit Erfahrenen und Angehörigen sorgen für Sensibilität und Toleranz.
Die Sprüche waren immer dieselben: „Reiß‘ dich zusammen!“, hieß es oder auch „Stell‘ dich doch nicht so an!“ oder „Das wird schon wieder, Susi: Guck‘ doch bloß mal, wie schön die Sonne scheint!“ Aber Susanne Hartwig, heute ist sie 47, konnte sich damals, im Frühjahr 2005, weder zusammenreißen noch konnte sie sich an schönem Wetter erfreuen, auch wenn sie dies immer wieder tapfer versuchte. Denn eine für sie – zunächst unerklärliche – Angst hatte von ihr Besitz ergriffen: Sie hatte Angst davor, Bus und U-Bahn zu fahren, in Kaufhäuser oder Konzerte zu gehen und sogar das Autofahren hielt sie bald kaum mehr aus. „Da war immer die Furcht, irgendwas könnte passieren und ich komme dann nicht mehr raus“, sagt sie. Dennoch schleppte sie sich Tag für Tag zu ihrem Arbeitsplatz in der Lohnbuchhaltung einer Hamburger Spedition, wo sie zum damaligen Zeitpunkt fünf Jahre lang gearbeitet hatte, und das sehr gerne. Sie hatte die Abteilung, als Schwangerschaftsvertretung, sogar ein knappes Jahr lang kommissarisch geleitet, aber dann hatte sich die Firma aufgrund von „Umstrukturierungsmaßnahmen“ doch für eine neue Abteilungsleiterin entschieden. Susanne Hartwig kehrte, wenn auch ein wenig enttäuscht, zurück ins zweite Glied.
Damit begannen die Demütigungen, die sie zunächst klaglos ertrug, „aber heute weiß ich, dass ich genau das zu lange mitgemacht habe. Es war klassisches Mobbing“, sagt sie, „meine neue Chefin war extrem eifersüchtig und versuchte mit allen Mitteln, mich aus dem Team rauszuekeln und loszuwerden.“ So erhielt Susanne Hartwig in den kommenden Monaten etwa ein halbes Dutzend ungerechtfertigter Abmahnungen, wurde in Besprechungen vor ihren Kollegen lächerlich gemacht; Terminarbeiten, die sie zu erledigen hatte, „verschwanden“ auf unerklärliche Weise oder es tauchten Fehler in ihren Abrechnungen auf, die sie nachweislich nicht begangen hatte. Nach etwa einem Dreivierteljahr überfielen sie die ersten Panikattacken. „Ich verstand mich anfangs selber nicht, aber dann wurde es rasch unerträglich – ich wollte eigentlich nicht mal mehr raus vor die Wohnungstür.“
Die Panikstörung und die Agoraphobie („Platzangst“) gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Fünf von 100 Menschen leiden mindestens einmal im Leben an einer dieser Störungen, in Deutschland sind zurzeit etwa 1,5 Millionen Menschen betroffen, Frauen übrigens doppelt so häufig wie Männer. Ohne therapeutische Hilfe entwickeln sich häufig weitere Erkrankungen (oder treten gemeinsam mit der Panikstörung auf), wie Depressionen, somatoforme Störungen sowie Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch.
Susanne Hartwig hatte jedoch „unverschämtes Glück“, wie sie heute sagt. Denn sie lebte in einem stabilen privaten Lebensumfeld, hatte einen verständnisvollen Partner, doch vor allem hatte sie einen Hausarzt, der sich bei der Anamnese Zeit ließ, intensiver in sie hineinhorchte und ihr schließlich den wahrscheinlichen Grund für ihre Panikattacken benannte – ihre Situation am Arbeitsplatz.
Er schrieb seine Patientin krank, verordnete ihr ein leichtes Antidepressivum („Das habe ich aber doch nicht genommen, davor hatte ich Schiss!“); er empfahl ihr auch eine Psychotherapie, „doch die brauchte ich dann nicht mehr“, sagt Susanne Hartwig, „denn entscheidend für den glücklichen Krankheitsverlauf war meine Entscheidung, zu kündigen, um mich dem täglichen Stress nicht mehr aussetzen zu müssen. Meine freiwillige monatelange Arbeitslosigkeit hat sich also positiv ausgewirkt.“ Seit knapp zehn Jahren arbeitet Susanne Hartwig mittlerweile in der Verwaltung einer Immobilienverwaltung. „Und zwar störungsfrei!“, sagt sie und lacht.
„Insgesamt 30 Prozent aller Menschen in den Industrieländern erkranken einmal während ihres Lebens an einer psychischen Krankheit“, sagt die Psychiaterin Anne Karow, Professorin für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), „der eine steckt es besser weg, der andere leider nicht und fünf bis zehn Prozent aller Erkrankten entwickeln im Laufe ihres Lebens dann leider eine schwere psychische Erkrankung wie etwa eine Psychose.“
Psychose bedeutet zunächst eine veränderte Wahrnehmung der Realität, eigenwillige Sinneseindrücke (Halluzinationen) und ein eher sprunghaftes Denken. Was eigentlich als Schutzmechanismus der Seele funktionieren soll, kann in einem Klima der Angst eine fatale Eigendynamik entwickeln.
Der Begriff „Psychose“ wird inzwischen als Überbegriff für verschiedene psychische Erkrankungen benutzt. Hierzu zählen vor allem die Schizophrenie sowie andere Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis wie bipolare Psychosen oder Psychosen im Kontext von schweren Depressionen. Statistisch gesehen weisen zurzeit rund 27.000 Menschen in Hamburg dieses Krankheitsbild auf.
„Je geringer die Angst, desto größer sind die Heilungschancen“, sagt Thomas Bock, der Leiter der Psychosenambulanz am UKE. Allerdings sei das Risiko bei dieser schweren Erkrankung sozial ausgegrenzt zu werden und nicht ins Berufsleben eintreten zu können oder seine Arbeit zu verlieren ohne eine gute Behandlung hoch.
Doch während die Bitte nach dem „Gelben Zettel“ wegen einer körperlichen Fehlfunktion längst eine Selbstverständlichkeit ist, tun sich nach wie vor viele Menschen schwer zuzugeben, dass sie an einer der zahlreichen psychischen Krankheiten leiden, die eigentlich dringend behandlungsbedürftig ist. „Und das sind entschieden zu viele“, sagt Anne Karow. „Einen grippalen Infekt oder einen Bandscheibenvorfall versteht schließlich jeder, aber psychische Krisen werden nicht selten solange versteckt, bis sie zu ernsthaften Krankheiten geworden sind.“
In Hamburg gibt es ca. 325.000 Menschen, die mindestens einmal in ihrem Leben an einer Depression erkrankten. Viele von Ihnen können nach überstandener Krise gut wieder arbeiten. Viele bleiben jedoch depressiv, weil sie keine Chance dazu bekommen und viel zu schnell berentet werden. Das mittlerweile bekannte „Burn-Out-Syndrom“ gehöre übrigens nicht zu den anerkannten psychischen Krankheiten, sagt Anne Karow, aber dieses Phänomen sei natürlich mit dem, was sie in den Ambulanzen täglich erlebten und was von der Gesellschaft wahrgenommen werde, „verdrahtet“: „Wir leisten uns den fragwürdigen Luxus, dass die einen psychisch erkranken, weil sie zuviel arbeiten, und die anderen, weil sie zu wenig arbeiten.“
Wer sich mit psychische Krankheiten und Störungen beschäftigt, merkt schnell, dass er damit ein riesiges Fass öffnet, sogar eher eine Art Büchse der Pandora. Denn die Ursachen und der Schweregrad der Erkrankungen sind so verschieden und vielseitig, wie es Menschen gibt. Für die Volkswirtschaft wiederum bedeuten psychische Erkrankungen einen enormen finanziellen Schaden. Bezogen auf die Gesundheitsausgaben ist es inzwischen die drittteuerste Krankheitsgruppe (nach Herz-Kreislauferkrankungen und Krebserkrankungen): Pro Jahr werden rund 28,7 Milliarden Euro für die Behandlung psychischer Erkrankungen ausgegeben (was rund 11,3 Prozent der Gesamtkosten im Gesundheitswesen entspricht); doch der sog. „Produktivitätsausfall“ ist dabei nicht selten ein künstliches Produkt. Denn viele psychisch Erkrankte würden gerne wieder arbeiten, und sei es bloß als Zuverdienst, weil damit nicht nur Geld, sondern auch Sinngebung und Anerkennung verbunden sind. Doch unser komplexes und auf immer mehr Leistung und Produktivität ausgerichtetes System sieht berufliche Nischen immer seltener vor, was zu einer zunehmenden Ausgrenzung einer großen Bevölkerungsgruppe führt.
Jetzt taucht eine weitere, alarmierende neue Zahl aus den USA auf, wo die American Psychiatric Association (APA, die „Vereinigung amerikanischer Psychiater) regelmäßig den international gültigen „Diagnostischen und Statistischen Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM, Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) herausgibt, die durchaus umstrittene „Bibel der Psychiater und Psychologen“ (aber auch die medizinische Grundlage für Krankenkassenleistungen). Jeffrey Borenstein, Präsident der New Yorker „Brain & Behavior Research Foundation“ (einer renommierten psychiatrischen Forschungseinrichtung), schrieb in einem Gastbeitrag in der New York Times: „Die Tatsache, dass wir eine um 24 Prozent gestiegene Suizid-Rate registrieren, muss für unser Land ein Weckruf sein. Würden wir ähnliche Werte für irgendeine andere Todesursache bemerken, würde die Bevölkerung von den Verantwortlichen sofortigen Handlungsbedarf fordern (…) Wir müssen daher dringend die psychischen Krankheiten entstigmatisieren und Vorurteile abbauen, damit sich die Erkrankten nicht schämen, um medizinische Hilfe zu ersuchen. Und wir müssen stärker auf die Krankenversicherungen einwirken, damit die Kostenübernahme für Behandlungen den Patienten nicht verweigert wird.“
Diese Forderungen werden von den forschenden und behandelnden Psychiatern und Psychologen am UKE in vollem Umfang unterstützt, obwohl das deutsche Pflichtversicherungssystem den amerikanischen Krankenkassen in weiten Teilen voraus ist, nicht selten sogar überlegen. „Aber gerade in unserem Fachbereich funktioniert es nach wie vor nicht richtig“, sagt Anne Karow, „zu viele Menschen mit behandlungsbedürftigen Erkrankungen müssen einfach zu lange auf eine Therapie warten, was die Symptome häufig verschlimmert und zu einer Zunahme stationärer Aufenthalte führt.“ So würden Rückstaus und zu lange Behandlungszeiten erzeugt sowie eine „Drehtürpsychiatrie“ gefördert. Auch die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen sei in den letzten 10 Jahren um 200 Prozent gestiegen, was jedoch nicht an einer realen Zunahme der Erkrankungen läge.
Deutschland ist das einzige europäische Land, in dem die Zahl der Krankenhausbetten in der Psychiatrie und Psychosomatik kontinuierlich ansteigt, während die meisten anderen Länder bereits seit Jahren erfolgreich auf eine Stärkung des ambulanten Systems mit Einführung von Früherkennung, Krisenteams und Zuhausebehandlung setzen. „Aber wir brauchen nicht 50.000 weitere Fachkräfte, sondern ein verbessertes System, um die derzeitige Schieflage zu begradigen“, sagt Anne Karow. Diese Schieflage verdanke man auch den individuellen Interessen der verschiedenen Mitspieler im lukrativen Geschäftsfeld der psychischen Erkrankungen. „Krankenhäuser wollen ihre Betten möglichst belegen, Therapeuten möchten volle Praxen haben – aber verständlicherweise mit zuverlässigen Patienten“, sagt die Professorin, „und beim Abrechnungssystem spielt schließlich der politische Lobbyismus immer noch eine viel zu große Rolle.“ Die geltende Gebührenordnung hält sie „teilweise für absurd“. So aber habe über die Jahre eine zunehmende Ungerechtigkeit in der medizinischen Versorgung zu Ungunsten von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen entstehen können.
Doch nun kommt Bewegung ins verkrustete System. Im sogenannten „Eckpunktepapier“ sieht das Bundesgesundheitsministerium endlich vor, dass auch eine „aufsuchende Akutbehandlung“ möglich werden soll, im Klartext: „stationsersetzende Maßnahmen“ sollen zukünftig normal abrechenbar werden. Diese Kehrtwendung in der Psychiatriepolitik verdanken wir nicht zuletzt den hoffnungsvollen Projekten der integrierten Versorgung, die vor allem in Hamburg beweisen konnten, dass durch strukturelle Veränderungen mehr Flexibilität und Kontinuität bei der Behandlung ermöglicht werden und mit denselben finanziellen Mitteln deutlich bessere Effekte erzielt werden können. „Es geht uns dabei um eine hochintensive, zeitsparende und effektive Therapie, mit der die Chronifizierung des Krankheitsbildes möglichst verhindert werden soll. Das kann aber nur ein örtlich flexibles Team leisten“, sagt Anne Karow, die am UKE für die Integrierte Versorgung für Menschen mit Psychosen gemeinsam mit Professor Martin Lambert verantwortlich zeichnet. So solle ein junger Mensch, der sich zum Beispiel am Anfang einer Schizophrenie befinde, nicht von einem Therapeuten alleine behandelt werden, sondern durch ein komplettes Team von Therapeuten, die sich gegenseitig unterstützen und vertreten können – auch bei plötzlichen Krisen und Notfällen. „Überhaupt ist es doch fraglich, ob dieser Patient bei einem akuten Schub, wenn er zum Beispiel Stimmen hört und sich verfolgt fühlt, in der Lage wäre, seine Wohnung für die nun dringend notwendige Behandlung zu verlassen“, sagt Anne Karow. „Wenn also ein Patient nicht zu uns kommen kann, aus welchen Gründen auch immer, fahren unsere Therapeuten eben zu ihm hin. Und inzwischen können wir sogar beweisen, dass diese Form der Behandlung nicht nur hinsichtlich der besseren Lebensqualität der Patienten und ihrer Angehörigen erfolgreicher, sondern im Vergleich zur herkömmlichen Standardtherapie sogar kostenneutral ist“, sagt Anne Karow.
Doch ein gravierendes Grundproblem ist nach wie vor die Früherkennung: Die meisten psychischen Erkrankungen und Störungen treten erstmals im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter auf, doch sie werden zumeist erst erkannt, wenn sie – dann im Erwachsenenalter – schon weit fortgeschritten sind. Während zahlreiche Industrieländer bereits Anfang der 90er Jahre damit begonnen haben, an der Schnittstelle zwischen der Kinder- und Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie sogenannte „Early Intervention Services“ („Früherkennungszentren“) einzurichten, hinkt Deutschland auf diesem Feld weit hinterher. Hierzulande existiert ja auch immer noch kein Gesetz zur „Stärkung der gesundheitlichen Prävention“, und die bisherigen Gesetzesvorlagen konzentrieren sich lediglich auf allgemeine Maßnahmen der Primärprävention und berücksichtigten die psychischen Erkrankungen zu wenig, auch nicht im Kindes- und Jugendalter. In dieser sensiblen Zeit des Erwachsenwerdens gehören Krisen zum Leben dazu. Doch genauso selbstverständlich braucht es Hilfen, damit aus diesen Krisen keine Krankheiten werden können, Hilfen, die keine Diagnostik voraussetzen und keine Stigmatisierung bedeuten.
Seit 2013 arbeitet der eigene stationäre und demnächst auch tagesklinische Bereich für Jugendliche und junge Erwachsene am UKE, eine der ersten Einrichtungen in Deutschland an der „Schnittstelle“ zwischen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Erwachsenenpsychiatrie, die für die Leiterin Anne Karow und für den Leiter der Kinder und Jugendpsychiatrie, Professor Schulte-Markwort und den Leiter der Erwachsenenpsychiatrie, Professor Jürgen Gallinat schon einige überraschende Erkenntnisse brachte. „Es hat sich herausgestellt, dass es um das 18. Lebensjahr herum einen sehr großen Behandlungsbedarf gibt“, sagt Anne Karow. Bisher seien viele schwer erkrankte Jugendlichen oft nicht behandelt worden und erst mit bereits chronifizierten psychischen Erkrankungen, ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung und ohne berufliche Eigenständigkeit dann Jahre später bei einem Psychotherapeuten oder in einem Krankenhaus vorstellig geworden. „Wir wissen jedoch, dass zwei Drittel der psychischen Erkrankungen zum ersten Mal im Alter zwischen 16 und 24 Jahren auftreten, wenn noch massive Umbauprozesse im Gehirn stattfinden. Unser Problem war es bisher, dass wir diese Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen, die vielleicht schon einmal mit zwölf oder 15 Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt worden waren, dann erst im Alter von 25 Jahren in der Erwachsenenpsychiatrie wiedergesehen haben.“
Doch wer soll solche Defizite im Alltag erkennen? Lehrer, Hausärzte, Vereinstrainer, Pastoren oder auch die Eltern haben zunächst einmal andere Aufgaben. Und welcher Jugendliche gibt schon freiwillig zu, dass es ihn seelisch, emotional, „gefühlsmäßig“ eben, „irgendwie zersemmelt“ hat? Dass er anders ist und sich anders fühlt, als andere. Wenn er denn überhaupt in der Lage ist, sich zu fühlen und zu spüren.
An dieser Stelle kommt der Verein „Irre menschlich“ ins Spiel; eine Initiative, die sich aus dem „Trialog“ von Erfahrenen, Angehörigen und engagierten Profis gegründet hat und antritt, „das öffentliche Bild von psychischen Krankheiten zu verbessern.“
„Irre menschlich heißt auch“, sagt Prof. Thomas Bock, „dass die Gesellschaft erkennen lernen muss, dass psychische Krisen und Erkrankungen nicht grundlos und sinnlos geschehen, dass sie nicht nur Störungen, sondern auch Lösungsversuche sind und vor allem zutiefst menschlich. Gerade im Umgang mit den besonderen Ausdrucks- und Lebensformen dünnhäutiger Menschen brauchen wir Akzeptanz und Feingefühl. Und wir müssen vollständig wahrnehmen. Bipolare Störungen beispielsweise mögen zwar anstrengend sein, aber sie bergen nicht selten auch Kreativität. Wenn alle Menschen sich in der immer gleichen Balance befänden, wäre das sicher langweilig. Ausserdem würden uns wahnsinnig viele Kunstwerke fehlen, Bilder oder Musikstücke. In einem solchen Klima der Selbstverständlichkeit ist es auch leichter sich selbst wieder zu verstehen, selbst wieder die Steuerung zu übernehmen.“
Eine Aufgabe, die Felicitas Neetz und Kris Wannagat, bereits vor vielen Jahren in Angriff genommen haben. Die heute 24jährige Felicitas merkte vor neun Jahren, während eines Schüleraustauschjahres in Neuseeland, das irgendwas mit ihr nicht stimmte. „Ich begann, die Realität anders wahrzunehmen. Die Menschen um mich herum sahen auf einmal bedrohlich aus, wie Monster.“ Für Felicitas verschoben sich die Zeitebenen, so wie man dies aus seinen nächtlichen Träumen kennt, „aber während der Schlaf uns ja davor schützt, geschah das alles tagsüber. Ich wurde regelrecht paranoid“, sagt sie leise, „ich bezog alles negativen Dinge auf mich, auf meine Person und das war sehr unangenehm.“
Trotzdem schaffte sie ihr Abitur, absolvierte auch noch ein Freiwilliges Soziales Jahr, dies jedoch eher mit Ach und Krach, „aber letztlich zog ich mich immer mehr zurück, bis die Psychose so stark wurde, dass eigentlich nichts mehr funktionierte.“ Heute weiß sie, dass ihr vermutlich einiges erspart geblieben wäre, wenn sie rechtzeitig Hilfe erhalten hätte. Jetzt tastet sie sich vorsichtig an eine Berufsausbildung heran. „Ich kann mich nur noch nicht so richtig entscheiden, ob ich Goldschmiedin werden oder im Ergobereich, in der Betreuung arbeiten möchte.“
Der Therapeut Thomas Bock wünscht sich in diesem Zusammenhang, dass den jungen – wie überhaupt eigentlich allen – Menschen, mehr Geduld gewährt würde. „Der heutige Zeitfaktor, die ungeheure Schnelligkeit, die mit der Reizüberflutung gepaart ist, sind für die Dünnhäutigen unter uns ein Grundübel“, sagt er, „denn hinter jeder Diagnose verbirgt sich eine schier unendliche Vielfalt von unterschiedlichen Phänomenen: Warum ist ein Mensch so geworden und was braucht er, um gegenzusteuern?“
Auch der heute 35jährige Kris hatte sehr lange auf seine Diagnose warten müssen. „Und als sie dann endlich da war – ich leide an einer bipolaren Erkrankung, ich bin manisch-depressiv – war das für mich ungeheuer befreiend“, sagt der Langzeit-Jurastudent. Denn jetzt konnte er endlich offensiv mit seiner Erkrankung umgehen. „Rückblickend habe ich diese Krankheit bereits mein ganzes Leben. Als ich meinen Freunden meine Diagnose mitgeteilt habe, haben sie gesagt: ‚Genau, das bist du, du bist immer ganz oder gar nicht.‘“
Wenn er sich in der manischen Phase befände, verfüge er über ein maßlos gesteigertes Selbstbewusstsein und ein verringertes Schmerzempfinden. Dann werde er auch nicht müde, entwickele plötzlich enorme Kräfte und fühle sich als der „Größte, Geilste und Beste“, erzählt er freimütig: „Ich habe in so einer Phase mal einen Schrank alleine hoch in die dritte Etage geschleppt. Als später die Depressionsphase eintrat, konnte ich den Schrank jedoch nicht mal einen Zentimeter verrücken.“ Und über Menschen, die aufputschende Drogen wie Kokain, Chrystal Meth oder Amphetamine nehmen, könne er sich beinahe schon lustig machen. „Ich sage dann immer, ‚tut mir ja leid für dich, dass du dafür Drogen brauchst…‘“
Der Antrieb und die Power seien bei Kris ungleich verteilt, sagt Thomas Bock, „nun geht es darum, Bewältigungsstrategien zu erarbeiten, um den zerstörerischen Effekt der Erkrankung möglichst zu minimieren.
„Ich habe versucht, mich zu verstehen. Mich selbst zu erkennen. Ich halte nicht mehr hinterm Berg damit, ich weiche nicht aus. Ich bin jedoch noch nicht in der Situation, dass ich mich auf dem Arbeitsmarkt als Bipolarer outen müsste“, sagt Kris, der sich natürlich vorstellen kann, dass irgendwann, bei einem Bewerbungsgespräch in einer Rechtsanwaltskanzlei, mit Sicherheit die Frage auftauchen würde, warum sein Studium so lange gedauert habe. „Ich weiß allerdings nicht, ob ich es noch erleben werde, dass mein Anderssein soweit entstigmatisiert wird, dass ich mich dann als ‚Bipolarer‘ outen dürfte. Aber wenn ich zum Beispiel die Leute in meiner Kunsttherapie mitbekomme, dann weiß ich, wie viel kreatives Potenzial zurzeit verloren geht.“
Kris selbst behauptet zwar von sich, dass er „beschissen male“, aber er spüre, dass ihm das Malen guttue, „das eine Bild“ – und das sei eben eine andere Denke. – Diese „andere Denke“ beinhaltet, nicht immer alles an der Leistung zu messen, sondern auch am eigenen Gespür. „Und außerdem könnten“, sagt Kris Wannagat, „die normalen Leute sich ruhig mal an uns Irren orientieren.“
Dafür gehen die Mitglieder des Vereins in die Öffentlichkeit. Über 200 Begegnungsprojekte organisiert „Irre menschlich“ in Hamburg jedes Jahr. Betroffene halten Vorträge vor Lehrern, Journalisten, Polizisten oder Justizangestellten sowie vor Mitarbeitern der Jugendhilfe und aus Gesundheitsberufen; vor allem aber an Schulen, um junge Leute für dieses wichtige, gesellschaftliche Thema zu sensibilisieren. Denn wenn „echte Psychos“ sich hinstellten und erzählten, dann sei das authentisch und weitaus spannender als ein wissenschaftlicher Vortrag, sagt Thomas Bock. „Wenn dann spürbar wird, das ist ja ein Mensch wie jeder andere auch, dann haben beide Seiten gewonnen: Die eine die Toleranz, die andere die Sensibilität.“
„Einmal“, erzählt Kris, „war ich in einer Brennpunktschule eingeladen, und mir wurde vorab gesagt, dass es sich um eine schwierige Klasse handeln würde, in der ein depressives Mädchen saß, die gehänselt wurde und häufig krankgeschrieben war.“ Dieser Vormittag habe sich dann überraschend entwickelt. „Die Klasse war lammfromm. Die Schüler waren total aufmerksam, haben Fragen gestellt, und dann merkte ich plötzlich, die stellen ja die Fragen für ihre Klassenkameradin, weil sie wissen wollten, wie sie ihr helfen könnten. Und mein Beispiel hat ihr geholfen, sich nicht immer nur verstecken zu müssen.“ Nicht selten berichten Lehrer nach solchen trialogischen Unterrichtsprojekten von einem beseren Umgang der Schüler untereinander.
Doch auch dies ist nur ein kleiner Erfolg, aber ein wichtiges Ergebnis in einer Welt, in der es für viele Menschen zunehmend schwieriger wird, einfach nur dazu zu gehören. Die Experten an der „Psychofront“ registrieren schon seit geraumer Zeit mit einer gewissen Sorge eine gewisse Schulung zur Empathielosigkeit, um die heutigen Anforderungen im Schul- und Berufsleben erfüllen zu können, zu denen unter anderem Tempo, Manipulation und Rücksichtslosigkeit gehören. „Aber es kann nicht die Aufgabe der Psychiatrie sein, die Menschen fit zu machen für die Gesellschaft“, sagt Anne Karow, „wir haben eher die Aufgabe, möglichst viel in Frage zu stellen, Dinge, die vielleicht nicht guttun, zu erkennen und es den Betroffenen zu ermöglichen, eine innere Balance zu finden.“
Hilfe im Internet
http://www.psychenet.de
Dieses Hamburger Netzwerk besteht aus über 100 verschiedenen Partnern und enthält zahlreiche hilfreiche Links und Kontaktadressen. Psychenet.de will die Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Region entscheidend verbessern.
www.irremenschlich.de
Der Verein organisiert Informations-, Begegnungs- und Präventionsprojekte zu allen Aspekten von seelischer Gesundheit, psychischer Erkrankung und Anderssein und wirbt für mehr Toleranz im Umgang mit anderen und Sensibilität zu sich selbst
Die häufigsten psychischen Erkrankungen
Depression
16 bis 20 von 100 Menschen erkranken mindestens einmal im Laufe ihres Lebens an Depressionen. (Hamburg: 324.000) Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Depressionen können in jedem Lebensalter auftreten, oft in Kombination mit einer weiteren psychischen Erkrankung wie z.B. einer Angsterkrankung. Durchlebt ein Mensch über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen folgende Beschwerden, kann dies auf eine Depression hinweisen:
- Niedergeschlagenheit oder Schwermut
- wenig Interesse oder Freude
- Müdigkeit, Antriebs- und Kraftlosigkeit
Eine Depression ist ein gesundheitliches Problem und keine Sache des Charakters! Es ist für die Betroffenen selbst nicht einfach, diese Erkrankung zu akzeptieren. Gut gemeinte Empfehlungen wie „Kopf hoch, es wird schon wieder“ helfen nicht. Die Anzeichen einer Depression kommen oft „wie aus heiterem Himmel“ und ohne erkennbaren Anlass.
Somatoforme Störungen
12 von 100 Menschen (216.000 Hamburger) erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Somatoformen Störung. Als somatoforme Störungen werden körperliche Beschwerden bezeichnet, die sich nicht oder nicht hinreichend auf eine organische Erkrankung zurückführen lassen. Somatoforme Störungen gehören zusammen mit Depressionen und Angststörungen zu den häufigsten und teuersten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.
Psychosen
Unter Psychosen versteht man psychische Erkrankungen, deren Verlauf abhängig vom Lebenskontext des Betroffenen verschiedene Formen annehmen kann. Allerdings existieren auch Symptombereiche, die übereinstimmend bei vielen Betroffenen verändert sind. Sie haben häufig Mühe, zwischen der Wirklichkeit und der eigenen, subjektiven Wahrnehmung zu unterscheiden. Aus Psychosen können sehr ernsthafte weitere Erkrankungen wie Schizophrenie entstehen. Ein bis zwei von 100 Menschen erkranken einmal im Leben an einer Psychose – in Hamburg 27.000 Menschen. Allein an Schizophrenie leiden derzeit 51 Millionen Menschen weltweit. Erstmalig tritt diese Erkrankung zumeist zwischen dem 12. und 29. Lebensjahr auf.
Magersucht
Etwa eine von 100 Personen (das entspricht 0,3 – 1,2 Prozent der Bevölkerung oder rund 18.000 Hamburgern) ist aktuell oder war im Laufe ihres bisherigen Lebens an Magersucht erkrankt. Bei zusätzlichen zwei bis drei Personen (2,4 Prozent, 43.000 Hamburgern) tritt eine atypische Magersucht auf, bei der ein diagnostisches Kriterium nicht voll erfüllt wird. Etwa 40 bis 60 von 100 Erkrankten beenden eine Psychotherapie und gelten nach fünf Jahren als erfolgreich behandelt. Bei ungefähr 30 von 100 Betroffenen bleibt die Magersucht dauerhaft bestehen. Das Risiko, an einer Magersucht zu sterben, ist im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen aufgrund der zum Teil schwerwiegenden körperlichen Folgen und des erhöhten Suizidrisikos (Selbsttötungsrisikos) hoch. Frauen haben ein etwa zehnfach erhöhtes Risiko, an einer Magersucht zu erkranken.
Bulimie
5 von 100 Menschen leiden im Laufe ihres Lebens an einzelnen Symptomen einer Bulimie („Ess-Brechsucht“). 90 von 100 Bulimikern sind Mädchen und Frauen. Bulimie ist eine gut behandelbare psychische Erkrankung. Rund ein Drittel der Betroffenen erreichen durch Psychotherapie wieder ein völlig normales Essverhalten. Bei einem weiteren Teil der Betroffenen kann zumindest eine Besserung der Symptome erreicht werden.
Bipolare Störung
Bei einer Bipolar-I-Störung haben die Betroffenen ausgeprägte Manien und Depressionen, bei einer Bipolar-II-Störung kommen ebenfalls Depressionen, jedoch im Wechsel mit schwächer ausgeprägten Manien, den Hypomanien, vor. Bipolare Erkrankungen können jeden Menschen betreffen und beginnen überwiegend im frühen Erwachsenenalter um das 18. Lebensjahr herum. 1 bis 3 von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Bipolaren Störung (36.000 Hamburger). Im Gegensatz zu den rein depressiven Erkrankungen sind Frauen und Männer gleich häufig betroffen. Die Beschwerden, die auch im späteren Erwachsenenalter durch Lebenskrisen oder Umbruchsituationen ausgelöst werden können, müssen fast immer durch gezielte verhaltenstherapeutische Maßnahmen behandelt werden.
Panikstörungen
Panikstörungen (auch Agoraphobien) verschwinden ohne therapeutische Hilfe nur sehr selten. Werden sie jedoch fachgerecht behandelt, sind die Erfolgsaussichten gut. 7 bis 12 von 100 Menschen (bis zu 180.000 Hamburger) erkranken mindestens einmal im Leben an einer Sozialen Phobie. Frauen sind eineinhalb Mal so häufig betroffen wie Männer.
Soziale Phobien
Viele Menschen mit Sozialer Phobie (7 bis 12 von 100 Menschen, bis zu 180.000 Hamburger) können im Laufe ihres Lebens erkranken. Zumeist leiden sie dann unter einer weiteren psychischen Erkrankung wie z. B. Depressionen, anderen Angsterkrankungen, somatoformen Störungen oder Abhängigkeitserkrankungen. Meist tritt die Soziale Phobie zuerst auf. Bleibt sie unbehandelt, erhöht sich das Risiko, eine Depression oder einen Alkoholmissbrauch zu entwickeln. Soziale Phobien entstehen häufig aufgrund genetischer Veranlagung, einer überbehüteten Erziehung, durch bestimmte Denkarten wie ein negatives Selbstbild oder Katastrophenphantasien, aber auch durch belastende Lebensereignisse.
Generalisierte Angststörungen
Ungefähr 5 von 100 Menschen (90.000 Hamburger) erkranken im Laufe ihres Lebens an einer generalisierten Angststörung. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer, die Krankheit bricht zumeist im Erwachsenenalter zwischen dem 35. Und 45. Lebensjahr aus. Wenn die Erkrankung nicht behandelt wird, besteht ein hohes Risiko, dass sie lange bestehen bleibt, wobei es beim Schweregrad häufig Schwankungen gibt: Viele Patienten erleben zwar Zeiten, in denen sie frei von Symptomen sind, bei ungefähr der Hälfte der Personen treten aber später erneut Beschwerden auf. Für Menschen mit generalisierter Angststörung ist es häufig schwerer auszuhalten als für andere Menschen, dass man keine „absolute Sicherheit“ hat.